Bitte hinsehen

Ich sitze auf dem S-Bahnhof während ich diese Zeilen schreibe. Die Märzsonne schickt ihre letzten Strahlen über die Halenseebrücke, hinter mir bei den Lauben am Hang recken sich stolz die ersten Fliederknospen dem blassblauen Himmel entgegen.
Für einen Moment schließe ich die Augen, spüre dem erdigen Geruch nach, in der Ferne höre ich die Gleise rauschen.

Es ist mein 40. Frühling in Berlin. Erinnerungen flanieren unter meiner Haut, Bilder flackern im Zeitraffer. Sie zeigen Sonntagsausflüge, orangefarbene Kniestrümpfe, S-Bahnen mit Holzbänken und einem kleinen Mülleimer unter dem Schiebefenster, dann das Schild „Bitte nicht hinsehen“. Meine Eltern erklärten, eigentlich stünde da ja „Bitte nicht hinauslehnen“, aber langhaarige Nichtsnutze würden immer die Schilder zerkratzen. Ganz insgeheim hegte ich Sympathie für diese wortwitzigen Geschöpfe, aber das sagte ich natürlich nicht laut.
In dieser Erinnerung ist Sommer. Ich liebte den Geruch des Gleisbetts in der prallen Sonne, wenn wir am Bahnhof Botanischer Garten warteten, um zum Strandbad Wannsee zu fahren oder mit den Gummibooten an den Schlachtensee. Manchmal sangen wir auf dem Weg „Pack die Badehose ein“ oder die Strophe von Emma uff de Banke aus dem Lied von der Krumme Lanke. Die Rosinenbrötchen von Bäcker Hillmann waren im Gepäck, ein klebriges Päckchen Erfrischungsstäbchen, Tüten mit Erfrischungstüchern. Alles war überhaupt sehr frisch in diesen Siebzigern. Und irgendwie hatte das Badelaken das gleiche Muster wie das Kleid meiner Mutter und die Tapete in unserm Wohnzimmer.

Weniger sommerlich war die Stimmung, wenn wir mit der S-Bahn in die andere Richtung fuhren. Etwa einmal im Jahr, zur Friedrichstraße. Diese Erinnerung hat die Farbe Grau, Vopo-Grau, und erzeugt noch heute ein Gefühl von kaltem Neon auf meiner Haut. Der Weg führte durch Geister-Bahnhöfe. Spürbar war die Angst im Nacken, wenn wir die deutsch-deutsche Grenze passierten. Unsere Eltern wiesen uns an zu schweigen und uns unauffällig zu verhalten. Demütig zeigten sie ihre Papiere vor, löhnten den Zwangsumtausch. Dann waren wir auf der anderen Seite. Erwartet von Onkel Erhard und Tante Biggi, die wir etwa einmal im Jahr in Ost-Berlin trafen. Für mich eine wundersame Welt, in der Straßenbahnen fuhren und die Abgase und die Dauerwellen anders rochen. Meine Cousine und ich tranken Club-Cola oder Juice, sie brachte mir russische Schimpfwörter bei und bat mich, ihr beim nächsten Besuch die Aufnäher meiner ausrangierten Jeans mitzubringen.

Um Mitternacht endete der Zauber. Ein schräger Verschnitt aus Cinderella und Alice im Wunderland. Nur die böse Königin war hier ein König, der schmallippige König des Politbüros. Hier wurden keine Rosen bemalt sondern Häuserfronten für Paraden.

Am Intershop auf dem Bahnsteig holten wir noch Zigaretten und Luftschokolade, dann fuhren wir nach Hause. Wenn die S-Bahn den Tunnel verließ fingen meine Eltern wieder an zu atmen. Wie saßen auf warmen Holzbänken und zerstreuten uns mit Gerede über Nichtigkeiten. Auf dem Schild am Fenster stand „Bitte nicht hinsehen“.

Als Schülerin hatte ich von Beginn an eine Abneigung gegen den Geschichtsunterricht. Woher sie kam, ich weiß es nicht, aber die Geschichten über längst verstorbene Könige, die alle Otto hießen, über Schlachten und Grenzverläufe perlten an mir ab wie der Frühtau am Erpel.
Blicke ich auf meine 13 Schuljahre zurück scheint es mir als seien wir immer hin- und hergezappt zwischen Ottonen und Nazi-Deutschland. Das Dazwischen und Danach fehlten. Und nichts davon schien etwas mit mir zu tun zu haben. Ich lebte in einer wattigen Welt aus Sicherheit und Konstanz, wir bewohnten eine kleine Sozialbauwohnung am Hindenburgdamm, mein Vater arbeitete auf dem Bau, wir aßen Blutwurst mit Sauerkraut und sonntags Kotelett mit Büchsengemüse, Telefone gab´s bei der Post, Strom von der Bewag, und Abendschau um sieben.

Sonntags holte ich die BZ bei Kunze gegenüber, dann eine Tüte Schrippen oder ein „tausender Spreeathener“ beim Bäcker. Unberührt verstrich ich meine Erdbeermarmelade, während fette Lettern auf Seite 1 verkündeten, dass Elvis tot war. Dass John Lennon erschossen wurde. Dass langhaarige Studenten Steine auf redliche Polizisten warfen. Dass Wim Thoelke nicht mehr den Grossen Preis moderierte. Dass in Vietnam Krieg war. Dass Paola Kurt Felix heiratete.

Geschichte war für mich als Kind und Jugendliche etwas, das in Büchern stattfand und nichts mit meiner Welt zu tun hatte. Und draußen fuhren die Panzer der Ammis unsere Straße entlang. Dann hörten wir schon aus der Ferne das tiefe Dröhnen und die Deckenlampe wackelte. Freudig unterbrach ich dann mein Sonntagsfrühstück, lief zum Winken auf den Balkon. Manchmal warfen die Soldaten sogar Bonbons zu den Kindern hinauf. Immer winkten sie zurück. Im Sommer prägten sich die Panzerspuren in den heißen Asphalt. Die Reaktion meiner Mutter auf diese Paraden war verhalten. 1932 geboren und aus Pommern stammend rief der Panzerlärm Erinnerungen wach, die nichts mit Bonbons und heiler Kindheit zu tun hatten.

Meiner Mutter und mir gemein war von jeher die Liebe zum Regen. Besonders wenn es gewitterte, saßen wir auf ein Kissen gelehnt am Fensterbrett und beobachteten lächelnd das Treiben auf der Straße, erschauerten bei Donner und Blitz, und freuten uns über die Naturgewalten. Wenn es windig war, schwankte die Gaslaterne vor dem Fenster.
Erst als ich erwachsen war hörte ich meine Mutter einmal sagen, dass sie sich bei jedem Gewitter an die nächtlichen Bombenangriffe der Kriegszeit erinnert fühlte. Und noch heute jedesmal erleichtert sei, wenn es doch nur ein Gewitter ist.

Meine Schulfreunde und ich unterhielten uns über die letzte Folgen von „Wetten, dass..“ und „Dallas“ während an der Mauer Menschen erschossen wurden. In den düsteren Klassenzimmern des Paulsen-Gymnasiums schnupperte ich an Kugelschreibern mit Erdbeerduft während Tschernobyl die Welt in Atem hielt. Im Fach „Politische Weltkunde“ wurde über die Industrialisierung gegähnt, während da draußen in der wirklichen Welt die Mauer zu fallen begann und die Insel zum Land wurde.

Dies alles erscheint mir im Rückblick unglaublich. Als West-Berliner Kind bin ich Jahr um Jahr in einem Meer aus Geschichte geschwommen – ohne es zu bemerken. Dies ist mir erst Jahre später klar geworden, als ich auf meiner biographischen Straßenkarte etwa an der Kreuzung Axel-Springer- Ecke Rudi-Dutschke-Straße angekommen war.

Diese wattige Welt – sie war eine sehr bequeme. Es gibt durchaus Aspekte, nach denen ich mich manchmal zurücksehne: Das Vertrauen auf die Rentenversicherung zum Beispiel. Die Zahl der Telefonanbieter. Den Glauben an Gut und Böse. Den unglobalisierten Globus. Mein Berlin heute, es ist anstrengender. Aber es ist eingebettet in Vergangenheit und Zukunft.
Heute wohne ich mit meiner Familie in einer kleinen Steglitzer Nebenstraße, in einer Altbauwohnung im obersten Stockwerk. Die Dielen knarren, aber wir sehen viel Himmel, und die hohen Räume haben die Farbe von Honig, wenn die Abendsonne hineinfällt. Manchmal denke ich mit meinen Kindern darüber nach, wie es hier ausgesehen hat und wer hier gelebt haben mag, vor hundert Jahren, als noch Kutschen durch die Birkbuschstraße fuhren. Wir fragen uns, wer auf unserm alten Klavier schon alles gespielt hat und freuen uns über das Etikett des königlichen Hoflieferanten im Innern. Wir bleiben manchmal stehen, wenn wir beim Spazierengehen auf die goldenen Stolpersteine im Boden stoßen und lauschen dem Klang der fremden Namen nach.

Auch unsere Kinder schwimmen im Berliner Meer. Wir wünschen Ihnen ruhige See. Und gute Sicht.
Bitte hinsehen.