Chez Ingrid

Ingrid hat Geburtstag. Und wenn Ingrid Geburtstag hat, bedeutet das in der Regel: viel Essen, viel Sekt. Bedeutet: bequeme Hosen und Busfahren. Ich treibe Elvi an, in den nächsten Bus zu steigen, den ich dann natürlich verpasse. Dabei erlebe ich so gerne, wie sie den Busfahrer beim Kauf eines simplen Fahrscheins völlig aus der Fassung bringt.
Wir treffen uns in der Schloßstrasse und laufen das letzte Stück. In Blond, Bleu und guter Laune schlendern wir Hand in Hand durch die graue Masse und lachen die Frau, die uns einen Gutschein fürs Fitness-Studio schenken möchte, freundlich aus. Maultasche statt Sporttasche.
Der Mond hängt wie eine Billardkugel über dem Forum Steglitz, als wir die Gutsmuthgasse 77 erreichen. Die Adresse könnte auch zu einem Hexenhäuschen in einem der Bilderbücher meines Sohnes gehören. Die Tür ist nicht verschlossen, es ist noch nicht ganz acht, und wir beginnen den Aufstieg. Oben angekommen erwartet uns eine strahlende Freundin, keck und barfuß, denn immerhin ist April und also Frühling.
Das Wohnzimmer ist gefüllt mit Frauenstimmen.
Tessa ist da und winkt uns mit dem Sektglas. Nicht einmal habe Ingrid gesessen, seit sie da ist, klagt Tessa, und berichtet von ihrem neuen Wochenrhythmus, der Weinseligkeit (Do.– So.) und Osteoporose (ganzwöchig) unter einen Hut bringt.
Marlies ist auch da. Sie berichtet aus dem bewegten Leben von Otto, ihrer deutschen Dogge. Anschaulich schildert sie, wie Otto gelernt hat, dass er zu groß ist, um wie andere Hunde „im Stück“ gestreichelt zu werden. Seither hievt er seine beachtlichen kraulbedürftigen Gliedmaßen nacheinander auf Frauchens Schoß. Nächste Woche macht Otto Urlaub im Hundehotel. Wie immer, wenn Marlies´ Mutter zu Besuch kommt.
Am Ende des Tisches sitzt Anja, eine Schnitzfreundin aus der Volkshochschule – und blickt verhalten von Charakter zu Charakter. Schwer zu sagen, ob es der „Wie-nett-hier“- oder der „Ich-bin-im-falschen-Film“-Blick ist.
Da betritt Mona die Szene, sommerblondes Haar und Ministeriumsjob im Nacken. Elvi und ich drücken ihr unverzüglich ein Glas Sekt in die Hand und quetschen sie gnadenlos über den ersten gemeinsamen Urlaub mit diesem mysteriösen Holger aus.
Wieder denke ich – mit einem kurzen Blick von oben – an meinen Sohn: der Sound in seinem Hörspiel von „Pettersson und Findus“ ist ähnlich, wenn Prillan und die anderen Hühner endlich aus dem Stall dürfen.
Und prompt betritt nun auch noch Gerlinde die Bühne. Ein Rassehuhn. Über ihren trockenen Humor haben wir schon oft jenes offene Lachen gelacht, das an diesem Abend den Raum füllt.
Wir lesen Gedichte, riechen an Tee, bewundern Rosenmuster und reden über den Frühling und ferne Urlaube in Griechenland, über Aquarellmalerei, Schnitzen, Goldschmieden, Kochen, über das Barfußlaufen an der Ostsee, Kultur, Alltag, Hummer und Gedichte.
Frauen unter sich. Wir erfüllen alle Klischees – und fühlen uns gut dabei.

Klar, dass wir auch gelegentlich beim Thema „Männer“ landen. So erzählt ´Linde von ihrem (Gott-sei-Dank-)Ex-Mann, der auf ihre Frage damals, warum er sie wegen dieses jungen Dinges verlasse, antwortete „Du, ich kann mit ihr so gut über Steine reden…“

Und so plätschert der Abend gen Mitternacht. Vergnügt und müde steigen wir in den Bus. Elvi kommt nicht dazu, den Busfahrer zu verwirren, weil der damit beschäftigt ist, meine abgelaufene Jahreskarte des Berliner Zoos zu bewundern, die ich ihm überzeugt unter die Nase zu halte. Erst als er zaghaft sagt „ein Fahrschein würde mir eigentlich reichen..?!“ bemerke ich den Fehler. Vielleicht doch ein halber Sekt zu viel?

Gleich kullert der Vollmond hinters Forum und ich werde selig in die Kissen sinken. Und 52 bunte Seifenblasen auf meine Freundin Ingrid träumen.