Im Schnee mobil

Es schneit und schneit. Berlin versinkt in einer Stille aus tanzendem Weiß. Kinder jubeln, Erwachsene fluchen. Dicht an dicht: dicke Flocken. Auch die Straßen: dicht.

An der Haltestelle am Rüdesheimer: jede Menge frierende Menschen. Mein Sohn erzählt mir, dass er und seine Freunde sich beim Warten im Winter immer in einem bestimmten Muster ganz nah aneinander stellen, das hätten sie sich von den Pinguinen abgeschaut beim letzten Zoobesuch. Die Mienen der Leute hier sind allerdings nicht von der Art, die mich lockt, mich dicht an sie zu kuscheln… Es schneit.
Und Berlin ist genervt.

Wir haben Glück, kurz nach unserer Ankunft kommt der Bus. Wir drängen ins Warme. Mitfühlend schaue ich den Busfahrer an. Kein leichter Job heute. Er hält sich wacker, hat den Anflug eines (nur ganz leicht verzweifelten) Lächelns im Gesicht und winkt uns durch.

Hinter uns hören wir wie eine alte Dame auf ihn losgeht: „Eine halbe Stunde, eine halbe Stunde steh ich jetzt hier und kein Bus kommt, wie kann das denn sein, kein Bus, auf der anderen Seite sind schon drei gefahren, das ist eine Frechheit ist das!“
Ich schließe die Augen, ducke mich instinktiv ein wenig und stelle mich auf die entsprechende Antwort ein, doch was ich höre ist ein tiefes Luftholen – dann eine samtweiche Stimme:
„Gute Frau… Es schneit… Die Stadt versinkt im Schnee… In der Innenstadt ist kein Durchkommen… Dieser Bus hat im Moment 48 Minuten Verspätung. Und wenn Sie noch ein wenig mit mir plaudern möchten, dann sind es gleich 49.
Vielleicht können wir aber auch einfach weiterfahren?“

Die Dame steht verdattert, Zuhörer lächeln. Alle Achtung, denke ich. Der Busfahrer schickt noch ein freundliches „Für die Herrschaften, die heute zum 1. Mal Bus fahren: wenn Sie aus den Türen treten, dann kann man die sogar zu machen“ durch das Mikro. Und gelassen setzen wir die langsame Fahrt durch den Schnee fort.

Ommmm, denke ich, tiefenentspannt… Verwerfe meinen Plan, einen Meditationskurs zu besuchen.
Manchmal sitzt der Entspannungscoach längst am Steuer.