Politisch korrekt

Sprache hat eine große Kraft. Eine Gesellschaft spiegelt sich in den Worten wieder, die sie benutzt. Davon bin ich zutiefst überzeugt und ich denke, dass ich dafür ein ganz gutes Gespür habe. Eigentlich. Als Sozialarbeiterin kenne ich die Debatten darüber gut, in welcher Weise man „politisch korrekt“ zum Beispiel über Menschen mit Demenz oder Menschen mit Behinderung spricht.

Und dennoch – manchmal komme ich ins Schleudern.
Das liegt natürlich auch daran, dass sich alle Jubeljahre wieder ändert, was gerade „politisch korrekt“ ist.
Ich komme darauf weil ich gerade in der Küche stand, mit der ersten Tasse Kaffee in der Hand, zugegeben noch etwas verschlafen. Ich hörte Inforadio. Die Verkehrsmeldungen:
„Wegen des Laufes für Inklusion kann es heute im Straßenverkehr zu Behinderungen kommen.“

Au weia, dachte ich spontan. Dürfen die das sagen, Behinderungen?
Ich bin morgens immer noch etwas langsam mit dem Denken. Dass es nicht Straßenverkehr mit besonderen Bedürfnissen heißen muss ist schon klar. Aber ich habe plötzlich gemerkt, wie schnell man da eben dieses Au Weia im Kopf hat. Und gerade dieses Au Weia ist es, das dem eigentlichen Grundgedanken von Inklusion den Eingang ins Gehirn versperrt. Nun ist unser Hirn da auch nicht gerade niedrigschwellig angelegt, das macht´s nicht leichter.

Menschen mit besonderen Bedürfnissen soll man übrigens auch gar nicht mehr sagen. Völlig zurecht, finde ich. Dazu gibt es einen tollen Spot von einer Down-Syndrom Initiative, worin gezeigt wird, wie ein Mann mit Down-Syndrom im Café  statt eines Frühstückseis ein Dinosaurier-Ei serviert bekommt, mit dem Satz: Das wäre ein besonderes Bedürfnis. Bildung, Jobs, Freunde und Liebe sollten es nicht sein.

In der vermeintlich progressiven Sozialarbeiterszene sagt man inzwischen Menschen mit Assistenzbedarf, was ich ja nun wiederum die Krone des Unfugs finde. Meine Chefin hat gerade einen Assistenten eingestellt, die hat auch Assistenzbedarf.

Auch wöchentlich ändert sich der Sprachgebrauch rund um den Begriff Demenz.  Demenzkrank sagt man besser nicht mehr, lieber demenziell verändert. So weit so gut. Besonderen Spaß habe ich allerdings in der jahrelangen Debatte über die Tendenz. Über die Tendenz, die anfangs eine Weglauftendenz war, dann eine Hinlauftendenz, jetzt eine Lauftendenz.
Man wollte den demenziell veränderten Menschen nicht unterstellen, dass sie nur weglaufen, also ausbüxen wollen, sondern sich ja oft auf den Weg machen mit dem Bedürfnis, etwas zu erledigen oder jemanden zu suchen. (Vielleicht auch etwas zu suchen und jemanden zu erledigen, wer weiß das schon immer so genau.) Deshalb sagte man dann hinlaufen.  Was zu kuriosen Szenen führt, wie ich sie einmal bei einer Führung durch ein Pflegeheim erlebte:
Die Leiterin der Einrichtung, die uns mit festgetackertem Lächeln ihre sehr stylische und moderne Einrichtung präsentierte und gerade von dem hohen Standards in der Pflege sprach, wurde von einer sehr aufgeregten Mitarbeiterin gestört mit der Meldung „Wir brauchen Sie mal schnell, Frau K. ist weggelaufen!“ – Das getackerte Lächeln rang um Halt und korrigierte jovial „Aber wir sagen doch nicht mehr weglaufen, Ines!“ – Ines guckte fassungslos, fuhr die Augenbrauen dann auf Halbmast und sagte mit zusammengebissenen Zähnen „Ok. Wir brauchen sie mal schnell, Frau K. ist hingelaufen.“
Muss man mehr sagen? Manch sprachliche Raffinesse, die philosophisch-wissenschaftlich Sinn macht, ist für den Alltag nicht geeignet. Und wenn wir einander dann noch immer belauern und vorwurfsvoll korrigieren, statt etwas entspannter und mit Humor an die Sache heranzugehen, dann kommt eben dieses Au Weia im Kopf.
Was würde Schwester Ines heute sagen? Frau K. läuft? Klingt ein bißchen wie die demografisch angepasste Version von Lola rennt.

Mein Sohn erzählte mir neulich von einem Chinesischen Restaurant, wo ein Mongolisches Buffet angeboten wird. Fast hätte ich ihm im Reflex gesagt, dass man das nicht sagen darf. Ich glaube, ich hänge schon zu lange in der Sozialen Arbeit rum, da kriegt man irgendwann so einen kleinen Schatten, der immer mitläuft, auch wenn gar nicht die Sonne scheint.
(In einem anderen Restaurant fragte ein anderer Sohn übrigens mal, ob man denn Sinti- und Roma-Schnitzel sagen dürfte. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Was ich eigentlich sagen will: wir machen uns da ganz schönen Stress. Versteht mich nicht falsch, Gedanken können wir uns gar nicht genug machen. Aber ein bißchen Gelassenheit und weniger Verkrampftheit könnte es gebrauchen, auch und vor allem in den sogenannten Fachkreisen. Man kommt sich da zuweilen vor wie beim Wettbewerb im Fettnäpfchen-Hopping, und das macht, dass der Knoten im Kopf nicht aufgeht. Und man endlich begreift und verinnerlicht, dass es eben nicht um politisch korrekten Fachjargon geht, der sich selbst genügt, sondern um das Verinnerlichen von Grenzenlosigkeit und Miteinander.

Man kann schnell mal daneben liegen. Unvergessen ist mir da die Szene einer Beratungssituation mit einem blinden Mann. Ich brachte ihn zur Tür und ehe ich´s mich versah war mir schon das Auf Wiedersehen rausgerutscht. Er konnte mein zerknirschtes Gesicht nicht sehen aber wohl spüren, denn er sagte mit einem verschmitzten Lächeln. „Alles klar. Ich schau mal wieder rein.“  Das war total einprägsam. Verstanden habe ich ja trotzdem was, in dem Moment, auch ohne moralische Keule.
Beim letzten Leseabend im Naumann Drei sagten wir einem Mann im Rollstuhl, der gerade die Stufe nahm, ganz beflissen Wir haben auch ne Rampe, er erwiderte gelangweilt Ich weiß, aber dann sieht´s nicht so cool aus.
Ich glaube, so unentspannt wie in sozialpädagogischen Fachkreisen ist sonst kaum wer. Nehmt Euch mal ein Beispiel, liebe Kolleg*innen. Ja, Kolleg*innen, mit *. Das ist nämlich derzeit politisch korrekt.

Ob die Formulierung politisch korrekt allerdings inklusiv ist, da bin ich mir nicht ganz sicher. Wirklich norm- und wertbefreit klingt das nämlich nicht.

Wie auch immer. Nun stehe ich hier also mit meinem Kaffee in der Küche, die Nachrichten melden Verkehrsbehinderungen. Ich bin eigentlich noch viel zu müde für so viele Gedanken und gehe wieder ins Schlafzimmer. Ich verspüre eine starke Hinlauftendenz in Richtung meines Bettes. Verkehrsberuhigte Zone, geht es mir durch den Kopf. Könnte auch ein schönes Schild an der Schlafzimmertür sein. Ob das dann inklusiv wäre weiß ich nicht.
Aber exklusiv allemal.

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