Schlagwort-Archiv: Alter

Sehnsucht nach Rauchzeichen

Ich stehe in der Küche. Mein Induktions-Herd hat sich ausgeschaltet, weil er mich vor irgendeiner Gefahr beschützen will, die ich nicht sehe. Die Nudeln sind noch jenseits von al dente, ich habe Hunger, die Kindersicherung blinkt und ich finde die Bedienungsanleitung nicht.
Im Radio reden sie darüber wie man Organe mit 3D-Druckern herstellen kann.
Und ich habe es heute Morgen nicht mal geschafft, die Verteiler-Liste für die Lesebühne in Outlook zu importieren. –
Wann ist mein Leben so kompliziert geworden?

Mittlerweile kann ich die Aussteiger verstehen, die ihre Handys verschenken,  in abgelegene Hütten ziehen und ihr Gemüse selbst anbauen.
Es ist soweit, dass ich mich nach offenem Feuer sehne. Ehrlichem Holz. Sehnsucht nach Rauchzeichen weiterlesen

Touché

Bahnhof Spandau, ich steige aus dem Regio und schiebe mein Fahrrad zum Fahrstuhl. Vor mir: zwei gediegene ältere Herrschaften, beide schätze ich auf Mitte achtzig. Und in dem leicht überheblichen Tonfall, der den folgenden Dialog bestimmt, schwingt ein Hauch von Sherlock und Dinner for One…

Sie zu ihm: „Machen Sie mal Platz, da möchte noch ein Fahrrad rein.“
Er (zischt): „Ach, vielen Dank, ich ignoriere grundsätzlich meine Umwelt.“
Sie: „Ja, so ist das, wenn man im Alter nicht mehr alles mitkriegt…“
Er: „Ja, ich habe davon gehört…  Aber Sie haben da wohl mehr Erfahrung.“

Wow. Touché. So früh am Morgen. Und schon im Kino gewesen. Hoch motiviert mache ich mich auf ins Büro. Touché weiterlesen

Reisen bildet

Ich lausche nicht.

Also, eigentlich. Mithören, das tu ich schon hin und wieder. Man hat ja nicht immer die Wahl. Heute früh in der Bahn zum Beispiel war es wieder soweit.

R4 Richtung Rathenow. Zwei mittelalte Frauen in erdfarbenen Anoraks saßen neben mir und redeten miteinander. Ich weiß, „Anorak“ sagt heute kein Mensch mehr. Aber glaubt mir, das was die anhatten – das waren Anoraks.
Wenn ich hier schreibe, sie redeten miteinander, ist das möglicherweise ein bißchen übertrieben. Vielmehr könnte man sagen, sie… redeten. Ich kenne das aus meiner Verwandtschaft. Alle sitzen um den Tisch und jeder erzählt was vor sich hin, nickt ab und zu einem anderen zu und tut so als würde er dem zuhören. Als Kommunikation getarnte Monologe. So war das bei den Anoraks auch. O-Ton: Reisen bildet weiterlesen

Jahreswechsel

„One Day, Baby, We´ll Be Old

O Baby, We´ll Be Old“

Ich höre uns schon reden

Damals, hätte, beinahe, aber

Kinder, Mutter, Angst,

Arzt, Geld –

Silvester

Neuer Mut schenkt sich ein

Hoffnung, Fernweh, Wollen, Zeit

Nichts wird schwerer wiegen als

die Geschichten, die uns unerzählt entgleiten.

One Day, Baby, We´ll Be Old

DSC_0036 - Kopie

Hutlos im Bleibtreu

Savignyplatz. Hinter der Schaufensterscheibe: schicke Hüte aller Art, fein aufgereiht, dezente Preisschilder verraten: bei 300,- € geht´s los. Das Label dazu heißt This is no hats.
Bin zu müde, um über den tieferen Sinn dieses Namens zu fabulieren.

Schaufenster wie diese sind im übrigen ein Touristenindikator. Blondgesträhnte Teenagertöchter beölen sich mit der Nase an der Scheibe über die schrägen Designs,  mittelalte Segelschuhträger regen sich betont lautstark über die Preise auf.  Und so weiter.
Nur die, die die Miene nicht verziehen und cool so tun, als würde das alles hier irgendeinen Sinn ergeben und als hätten auch sie mindestens zwei 300€-Hüte im Schrank:  das sind die Berliner.
Wie ich…
Manchmal finde ich ehrliches Aufregen ja definitiv sympathischer als diesen ewigen Berliner Hochtrab. Muss ich bei Gelegenheit mal ausprobieren. Ohne Segelschuhe allerdings.
Gehe ein paar Schritte weiter und betrete das Café Bleibtreu. Manchmal ist ein Glas trockener Weißwein wichtiger als ein teurer Hut. Das Licht ist warm, die Bedienung nordisch-kühl, Hutlos im Bleibtreu weiterlesen

Älterwerden

Ä hnlichkeit mit mir selbst finden.
L ustvoll auf die eigenen Spuren und noch nicht betretenen Pfade blicken.
T reiben im herbstzeitlosen Hier und Jetzt – dies ist mein Wunsch an das Alter. Die
E rfahrungen sind andere. Der
R ückblick auf Vergangenes verzerrt das Spiegelbild,  es scheint als würden wir uns in unserem
W elken nur selbst Mut zusprechen…
E igensinn und Offenheit im Gleichklang,
R uhe und
D onnerschlag.
E ins und zweisam sein – bisher nur ein Wunsch auf halber Strecke.
N ichts ist unmöglich?