Schlagwort-Archiv: Berlin

Venedig war gestern

Berlin, kurz vor vier, der Morgen schläft noch. Italien ruft, auf nach Schönefeld! Taxi zum U Bahnhof.
Der junge arabische Taxifahrer erspäht die fröhliche Frauenschar, die schon auf mich wartet. Ungläubig schaut er mich an. Nur Frauen? Sie verreisen nur mit Frauen, ja? Ich meine, macht man das jetzt so? Meine Frau will das auch immer, weiß ich nicht, hab ich verboten…
Er mustert uns skeptisch. Und noch bevor wir uns für oder gegen eine emanzipatorische Grundsatzdiskussion entschieden haben sagt er nachdenklich: „Wenn die so strahlt, wenn sie zurückkommt, wie Sie hier, wenn sie losfahren – dann ist das ja vielleicht doch eine gute Idee…“
Es ist vier Uhr früh und mit dem Gefühl, die Welt noch vor dem ersten Kaffee ein wenig freundlicher gemacht zu haben, fahren wir nach Schönefeld.

Easyjet. Wenig easy. Totale Hektik, überforderte Abfertiger, Zeitdruck. Im Eilschritt erklimmen wir unseren Flieger nach Pisa. Der Steward begrüßt uns auf dem Flug nach Venedig.
Wir blinzeln skeptisch. Sicher ein Versehen.
Nachdem er das Flugziel Venedig in drei Sprachen wiederholt hat bricht allgemeine Panik unter der festgeschnallten Passagierschar aus. Bis er endlich den wunderbaren Satz ruft:

Sorry! Scusi! Pisa! Pisa!
Venedig war gestern!

U9

Herbst. Berufsverkehr. In der U Bahn hängt heute der Geruch von faulen Eiern. Das Neon dröhnt. Nasse Menschen starren.
Und dann: ein Schmetterling. Riesengroß, knallbunt, flattert von Fahrgast zu Fahrgast.
Besuch aus der schönen Welt dort oben. Sogar der düstere Typ mir gegenüber muß lächeln.

Auf seinem T-Shirt steht „Carpe that fucking diem“.

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Hutlos im Bleibtreu

Savignyplatz. Hinter der Schaufensterscheibe: schicke Hüte aller Art, fein aufgereiht, dezente Preisschilder verraten: bei 300,- € geht´s los. Das Label dazu heißt This is no hats.
Bin zu müde, um über den tieferen Sinn dieses Namens zu fabulieren.

Schaufenster wie diese sind im übrigen ein Touristenindikator. Blondgesträhnte Teenagertöchter beölen sich mit der Nase an der Scheibe über die schrägen Designs,  mittelalte Segelschuhträger regen sich betont lautstark über die Preise auf.  Und so weiter.
Nur die, die die Miene nicht verziehen und cool so tun, als würde das alles hier irgendeinen Sinn ergeben und als hätten auch sie mindestens zwei 300€-Hüte im Schrank:  das sind die Berliner.
Wie ich…
Manchmal finde ich ehrliches Aufregen ja definitiv sympathischer als diesen ewigen Berliner Hochtrab. Muss ich bei Gelegenheit mal ausprobieren. Ohne Segelschuhe allerdings.
Gehe ein paar Schritte weiter und betrete das Café Bleibtreu. Manchmal ist ein Glas trockener Weißwein wichtiger als ein teurer Hut. Das Licht ist warm, die Bedienung nordisch-kühl, Hutlos im Bleibtreu weiterlesen

Von Koniferen und Trampolinen

Zugegeben, ich bin auch nicht immer ganz aufmerksam was die deutsche Sprache betrifft. Gerade habe ich zum Beispiel in einem Artikel das Wort „Meerenge“ gelesen und es dauerte eine ganze Weile, bis ich aus dem Zusammenhang schloss, dass es sich hier mitnichten um den südamerikanischen Tanz handelt, bei dem man mit dem Hintern liegende 8en in die Luft malen muß.
Andererseits hege ich eine große Liebe zu den Worten und begegne immer öfter Formulierungen, bei denen sich meine Nackenhärchen so zackig aufstellen wie die Halskrause bei diesen fiesen Dinos in Jurassic Park.
Wenn jemand „das einzigste“ sagt. Oder „insofern, dass“ statt „insofern als“.
Wenn jemand ganz Berlin tut und dann „Gott weh De“ sagt statt jwd.
Ok, Feinheiten. Nennen Sie mich einen Klugscheißer. Aber sowas schmerzt mich halt immer ein bißchen. (Es ist so ähnlich wie mit den Leuten, die beim Fahrstuhl immer beide Knöpfe drücken, nach oben und nach unten. Wenn man vorsichtig nachfragt sagen sie empört Sachen wie Von Koniferen und Trampolinen weiterlesen

Wie ich einer 5 Kilo-Gans den Hintern zunähte

Es ist jetzt ungefähr sechs Jahre her. Ina Müller würde singen „Das ist jetzt ungefähr / drei Männer her“. Es begab sich also zu der Zeit, dass ein Duft von der Küche in der Vionvillestraße ausging, den nie zuvor ein Mensch vernommen hatte. Auf der ewigen Suche nach meinem ganz persönlichen Geist der Weihnacht hatte ich stur und an allen Einwänden vorbei entschieden, an Heiligabend einen Gänsebraten zu bereiten. Jauchzet, frohlocket. Ich war wild entschlossen, mich gegen die ungeflügelten Jahresendzeiterlebnisse der letzten Dekade aufzulehnen: gegen das Gehetze und Geputze, bevor meine Schwiegermutter zu Besuch kommt, gegen das ungemütliche Herunterschlingen kalter Buffets, damit die Kinder schnell an ihre Geschenke können, das Fehlen des Schnees, gegen Playmobil im allgemeinen und gegen das immer so rationierte Gänseessen bei Tante Hilde am 1. Feiertag im besonderen.
Also kaufte ich erstmal eine 5,2 kg schwere Gans. Wenn schon, denn schon.

Als sie so in meiner Küche lag, neben dem Beifuß und den Äpfeln (Cox Orange, Kind, hörte ich meine Mutter selig sprechen, immer Cox Orange), schien mich die Gänsehaut doch ein wenig anklagend anzuschauen. Stadtkind, das ich bin, finde ich tote Tiere im Ganzen schon recht unheimlich und goss mir erstmal ein Glas Rotwein zum Mutmachen ein. Wie ich einer 5 Kilo-Gans den Hintern zunähte weiterlesen

50 ways to leave your lover

Wien-Berlin.
Der Flieger rollt zur Startbahn, die Sicherheitsbestimmungen werden angekündigt. Ein koketter Steward baut sich vor uns auf:
„Ladies and Gentlemen, there must be fifty ways to leave your lover – but there are only eight ways to leave this plane.“  …

You don´t have to be coy, Roy. Just get yourself free.

 

Früher Vogel

Regionalbahn morgens um sieben. Februar, es ist noch dunkel. Wir nähern uns dem Hauptbahnhof. Der junge Zugbegleiter geht in sein Kabäuschen, um die obligatorische Durchsage zu machen. „Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Berlin-Hauptbahnhof. Im Namen von Air Berlin möchte ich mich von allen Passagieren… – oh.“
Pause. „Äh, Entschuldigung, da kam jetzt der Flugbegleiter wieder durch. Also… Sie wissen schon – lassen Sie keine Kaffeebecher rumliegen, ich hoffe, es hat Ihnen an Bord gefallen, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Klack.
Mein Zwerchfell ist schlagartig wach. Das ist besser als jeder Kaffee. Wer braucht da noch Lachyoga, wenn er die Deutsche Bahn hat?
Mit hochrotem Kopf unter dem Blondschopf tritt der Zugbegleiter aus der Kabinentür. Er hat seinen Rucksack geschultert und schleicht zum Ausgang. Einige klopfen ihm freundlich auf die Schulter, schütteln ihm zum Abschied die Hand, wünschen ihm einen schönen Feierabend. Fast alle lächeln.
Nur einer – einer möchte noch einen Tomatensaft bestellen.

Lachyoga

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Sonntagmittag in Berlin. Februarsonne. S-Bahn.
Mein Freund Laszlo hat mir zu Weihnachten einen Gutschein für einen Workshop geschenkt, zu dem wir jetzt fahren. Ich habe mich nach Kräften gewehrt, habe versucht abzulehnen, aber er hat alles gegeben und meint es ja schließlich gut mit mir- und so sitzen wir nun in der S Bahn und fahren…
zum Lachyoga.
Hurra.

Wir klingeln in der Schöneberger Yogapraxis. Ein wirr lächelndes Gesicht taucht auf, das zu einer kleinen kurzhaarigen Frau um die 50 gehört. „Hallo ich bin die Anne, kommt rein.“ Die großen Augen vermitteln irgendwas zwischen „Huch, da sind Leute…“ und esoterischer Gelassenheit. Ich verspüre unvermittelt den Impuls, veganen Chaitee zu bereiten, dicht gefolgt von dem Impuls, wegzulaufen. Lachyoga weiterlesen

Butze

Feierabend. Ein nasser Novembertag. Die Menschen in der U Bahn stehen dicht an dicht, die meisten haben das Gesicht zur Faust geballt. Die andern sind Touristen.
Endbahnhof. Bei der Durchsage „This train terminates here“ denke ich manchmal, es könnte auch die sehr freundliche Ankündigung einer Sprengung sein. „Verehrte Fahrgäste, mit diesem Zug geht es jetzt zu Ende.“ „Verehrte Fahrgäste, dieser Zug wird hier terminiert.“ Ich habe zu viele Actionfilme gesehen. Aber bei der Vielzahl von Durchsagen, die einen durchschnittlichen Tag in den Öffentlichen begleiten, würde das vermutlich eh keiner mehr wahrnehmen. Die Fröhlichkeit der automatischen Ansagen macht mich manchmal ganz mürbe. Vor allem, wenn eine Verspätung oder der Ausfall eines Zuges in einem Tonfall angesagt wird, als hätte Heidi Klum genau jetzt ein gaaanz besonders tolles Foto für mich.

Gut, aber diese Zugfahrt ist geschafft, ich trotte mit der Menge zu den Bushaltestellen und warte auf den 186er. Ich warte. Es weht. Es graupelt. Meine Fingerspitzen sind inzwischen so kalt, dass ich nicht mal mehr meinen Ärger in die Welt tippen kann.
Als der Bus endlich kommt strömt die Masse zusammen, als hätte jemand an der Vordertür einen unsichtbaren Stöpsel gezogen. Ich schwappe in den Bus hinein und rette mich auf´s Oberdeck. Alle drin. Aber warum fahren wir nicht los? Butze weiterlesen