Schlagwort-Archiv: Nahverkehr

Mottowochen

Als meine Kinder klein waren, haben sie manchmal Worte erfunden. Weil sie Schwierigkeiten mit der Aussprache hatten, zum Beispiel: Joghurt hieß bei uns lange Loluk, Knoblauchkrabbensalat Nüpapabbe und Eichhörnchen nennen wir auch heute noch liebevoll Hossassa. Meine Freundin Kirsten war damals latent genervt und riet, wir sollten uns doch mal freiwillig beim Bundesnachrichtendienst melden, zum Verschlüsseln von Nachrichten, diese Codes würde im Leben kein normaler Mensch knacken.
Amina, die Tochter unserer Freunde, erfand damals übrigens die Kamütze. Und ich bin auch heute noch dafür, dass dieses wunderbare Wort in den Duden aufgenommen wird.
Doch irgendwann dann, etwa in der Zeit, wo sie aufhören niedlich zu sein, ändern sich die Themen. Und schwupp sind sie 18 und machen – möglicherweise – Abitur. Sie können komplizierte Worte wie Mojito und Caipirinha akzentfrei aussprechen und finden Eltern sehr peinlich, die beim Anblick eines Eichhörnchens im Stadtpark begeistert Hossassa! rufen.  Mottowochen weiterlesen

Politisch korrekt

Sprache hat eine große Kraft. Eine Gesellschaft spiegelt sich in den Worten wieder, die sie benutzt. Davon bin ich zutiefst überzeugt und ich denke, dass ich dafür ein ganz gutes Gespür habe. Eigentlich. Als Sozialarbeiterin kenne ich die Debatten darüber gut, in welcher Weise man „politisch korrekt“ zum Beispiel über Menschen mit Demenz oder Menschen mit Behinderung spricht.

Und dennoch – manchmal komme ich ins Schleudern.
Das liegt natürlich auch daran, dass sich alle Jubeljahre wieder ändert, was gerade „politisch korrekt“ ist.
Ich komme darauf weil ich gerade in der Küche stand, mit der ersten Tasse Kaffee in der Hand, zugegeben noch etwas verschlafen. Ich hörte Inforadio. Die Verkehrsmeldungen:
„Wegen des Laufes für Inklusion kann es heute im Straßenverkehr zu Behinderungen kommen.“

Au weia, dachte ich spontan. Dürfen die das sagen, Behinderungen? Politisch korrekt weiterlesen

Touché

Bahnhof Spandau, ich steige aus dem Regio und schiebe mein Fahrrad zum Fahrstuhl. Vor mir: zwei gediegene ältere Herrschaften, beide schätze ich auf Mitte achtzig. Und in dem leicht überheblichen Tonfall, der den folgenden Dialog bestimmt, schwingt ein Hauch von Sherlock und Dinner for One…

Sie zu ihm: „Machen Sie mal Platz, da möchte noch ein Fahrrad rein.“
Er (zischt): „Ach, vielen Dank, ich ignoriere grundsätzlich meine Umwelt.“
Sie: „Ja, so ist das, wenn man im Alter nicht mehr alles mitkriegt…“
Er: „Ja, ich habe davon gehört…  Aber Sie haben da wohl mehr Erfahrung.“

Wow. Touché. So früh am Morgen. Und schon im Kino gewesen. Hoch motiviert mache ich mich auf ins Büro. Touché weiterlesen

Reisen bildet

Ich lausche nicht.

Also, eigentlich. Mithören, das tu ich schon hin und wieder. Man hat ja nicht immer die Wahl. Heute früh in der Bahn zum Beispiel war es wieder soweit.

R4 Richtung Rathenow. Zwei mittelalte Frauen in erdfarbenen Anoraks saßen neben mir und redeten miteinander. Ich weiß, „Anorak“ sagt heute kein Mensch mehr. Aber glaubt mir, das was die anhatten – das waren Anoraks.
Wenn ich hier schreibe, sie redeten miteinander, ist das möglicherweise ein bißchen übertrieben. Vielmehr könnte man sagen, sie… redeten. Ich kenne das aus meiner Verwandtschaft. Alle sitzen um den Tisch und jeder erzählt was vor sich hin, nickt ab und zu einem anderen zu und tut so als würde er dem zuhören. Als Kommunikation getarnte Monologe. So war das bei den Anoraks auch. O-Ton: Reisen bildet weiterlesen

Im Schnee mobil

Es schneit und schneit. Berlin versinkt in einer Stille aus tanzendem Weiß. Kinder jubeln, Erwachsene fluchen. Dicht an dicht: dicke Flocken. Auch die Straßen: dicht.

An der Haltestelle am Rüdesheimer: jede Menge frierende Menschen. Mein Sohn erzählt mir, dass er und seine Freunde sich beim Warten im Winter immer in einem bestimmten Muster ganz nah aneinander stellen, das hätten sie sich von den Pinguinen abgeschaut beim letzten Zoobesuch. Die Mienen der Leute hier sind allerdings nicht von der Art, die mich lockt, mich dicht an sie zu kuscheln… Es schneit.
Und Berlin ist genervt. Im Schnee mobil weiterlesen

Das schöne Leben

Berlin. Nieselregen. Der Helm sitzt.

Montagmorgen, 7 Uhr 40, mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Regio nach Spandau. Bei den ganzen Insekten am Kanal hat man quasi schon gefrühstückt, wenn man am Bahnhof ankommt. Der kleine Eiweißshock, denke ich müde… Motte Machiato…
Aber das wirklich nervige Summen geht immer erst im Zug los: Hunderte von Pendlern dämmern im Ist-das-Wochenende-wirklich-schon-vorbei-Modus vor sich hin. Lehnen die verkaterten Stirnen an die vibrierenden Fensterscheiben, während ringsum munter Smartphones aller Couleur tönen und summen.

Ich bin kein Freund von Schubladendenken. Eigentlich. Andererseits… Das schöne Leben weiterlesen

Voll der Knabe

Es ist der 24. Dezember.
Der Himmel ist blau, die Sonne scheint warm und hell vom Himmel.
Ich klage meiner Freundin Moni: auf meinem Balkon rankt die Kapuzinerkresse und die Rosen kriegen neue Triebe… Sie sagt sehr trocken „Was soll ich sagen? Ich hab Himbeeren.“
Vor der Archenhold-Sternwarte soll ein Kirschbaum blühen.

Ich schaue nochmal in die Mails, bevor ich mich der Weihnachtsküche widme.
Xing schreibt mir.
„Schöne Bescherung, Frau Riedel! “
Zucke innerlich sofort zusammen und überlege, was ich falsch gemacht habe. Mir fällt auch einiges ein – aber das kann Xing eigentlich nicht wissen. Vielleicht meinten Sie es nur lustig. Ho ho ho…
Fitness First immerhin schickt mir einen 10€ -Adventskalender-Gutschein für den Webshop. Ich kann mich damit auch für das Programm anmelden, bei dem man nicht mehr ins Studio kommen muss, sondern den Sport online zu Hause erledigen kann. Kostet extra, aber hey… (Irgendwie erinnert es mich an diesen Sketch, in dem ein sehr erfolgreiches Businesspärchen versucht, im Terminkalender eine Lücke für mal-wieder-Sex zu finden. Es gipfelt nach vielen Terminfindungsschwierigkeiten in dem Satz der Frau: „Na, ich muß ja eigentlich auch nicht unbedingt dabei sein. Schick mir doch einfach das Protokoll.“ So ähnlich stelle ich mir das vor, wenn man online ins Fitnessstudio geht.) Voll der Knabe weiterlesen

Venedig war gestern

Berlin, kurz vor vier, der Morgen schläft noch. Italien ruft, auf nach Schönefeld! Taxi zum U Bahnhof.
Der junge arabische Taxifahrer erspäht die fröhliche Frauenschar, die schon auf mich wartet. Ungläubig schaut er mich an. Nur Frauen? Sie verreisen nur mit Frauen, ja? Ich meine, macht man das jetzt so? Meine Frau will das auch immer, weiß ich nicht, hab ich verboten…
Er mustert uns skeptisch. Und noch bevor wir uns für oder gegen eine emanzipatorische Grundsatzdiskussion entschieden haben sagt er nachdenklich: „Wenn die so strahlt, wenn sie zurückkommt, wie Sie hier, wenn sie losfahren – dann ist das ja vielleicht doch eine gute Idee…“
Es ist vier Uhr früh und mit dem Gefühl, die Welt noch vor dem ersten Kaffee ein wenig freundlicher gemacht zu haben, fahren wir nach Schönefeld.

Easyjet. Wenig easy. Totale Hektik, überforderte Abfertiger, Zeitdruck. Im Eilschritt erklimmen wir unseren Flieger nach Pisa. Der Steward begrüßt uns auf dem Flug nach Venedig.
Wir blinzeln skeptisch. Sicher ein Versehen.
Nachdem er das Flugziel Venedig in drei Sprachen wiederholt hat bricht allgemeine Panik unter der festgeschnallten Passagierschar aus. Bis er endlich den wunderbaren Satz ruft:

Sorry! Scusi! Pisa! Pisa!
Venedig war gestern!

U9

Herbst. Berufsverkehr. In der U Bahn hängt heute der Geruch von faulen Eiern. Das Neon dröhnt. Nasse Menschen starren.
Und dann: ein Schmetterling. Riesengroß, knallbunt, flattert von Fahrgast zu Fahrgast.
Besuch aus der schönen Welt dort oben. Sogar der düstere Typ mir gegenüber muß lächeln.

Auf seinem T-Shirt steht „Carpe that fucking diem“.

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Von Koniferen und Trampolinen

Zugegeben, ich bin auch nicht immer ganz aufmerksam was die deutsche Sprache betrifft. Gerade habe ich zum Beispiel in einem Artikel das Wort „Meerenge“ gelesen und es dauerte eine ganze Weile, bis ich aus dem Zusammenhang schloss, dass es sich hier mitnichten um den südamerikanischen Tanz handelt, bei dem man mit dem Hintern liegende 8en in die Luft malen muß.
Andererseits hege ich eine große Liebe zu den Worten und begegne immer öfter Formulierungen, bei denen sich meine Nackenhärchen so zackig aufstellen wie die Halskrause bei diesen fiesen Dinos in Jurassic Park.
Wenn jemand „das einzigste“ sagt. Oder „insofern, dass“ statt „insofern als“.
Wenn jemand ganz Berlin tut und dann „Gott weh De“ sagt statt jwd.
Ok, Feinheiten. Nennen Sie mich einen Klugscheißer. Aber sowas schmerzt mich halt immer ein bißchen. (Es ist so ähnlich wie mit den Leuten, die beim Fahrstuhl immer beide Knöpfe drücken, nach oben und nach unten. Wenn man vorsichtig nachfragt sagen sie empört Sachen wie Von Koniferen und Trampolinen weiterlesen