Schlagwort-Archiv: Nahverkehr

Früher Vogel

Regionalbahn morgens um sieben. Februar, es ist noch dunkel. Wir nähern uns dem Hauptbahnhof. Der junge Zugbegleiter geht in sein Kabäuschen, um die obligatorische Durchsage zu machen. „Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Berlin-Hauptbahnhof. Im Namen von Air Berlin möchte ich mich von allen Passagieren… – oh.“
Pause. „Äh, Entschuldigung, da kam jetzt der Flugbegleiter wieder durch. Also… Sie wissen schon – lassen Sie keine Kaffeebecher rumliegen, ich hoffe, es hat Ihnen an Bord gefallen, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Klack.
Mein Zwerchfell ist schlagartig wach. Das ist besser als jeder Kaffee. Wer braucht da noch Lachyoga, wenn er die Deutsche Bahn hat?
Mit hochrotem Kopf unter dem Blondschopf tritt der Zugbegleiter aus der Kabinentür. Er hat seinen Rucksack geschultert und schleicht zum Ausgang. Einige klopfen ihm freundlich auf die Schulter, schütteln ihm zum Abschied die Hand, wünschen ihm einen schönen Feierabend. Fast alle lächeln.
Nur einer – einer möchte noch einen Tomatensaft bestellen.

Butze

Feierabend. Ein nasser Novembertag. Die Menschen in der U Bahn stehen dicht an dicht, die meisten haben das Gesicht zur Faust geballt. Die andern sind Touristen.
Endbahnhof. Bei der Durchsage „This train terminates here“ denke ich manchmal, es könnte auch die sehr freundliche Ankündigung einer Sprengung sein. „Verehrte Fahrgäste, mit diesem Zug geht es jetzt zu Ende.“ „Verehrte Fahrgäste, dieser Zug wird hier terminiert.“ Ich habe zu viele Actionfilme gesehen. Aber bei der Vielzahl von Durchsagen, die einen durchschnittlichen Tag in den Öffentlichen begleiten, würde das vermutlich eh keiner mehr wahrnehmen. Die Fröhlichkeit der automatischen Ansagen macht mich manchmal ganz mürbe. Vor allem, wenn eine Verspätung oder der Ausfall eines Zuges in einem Tonfall angesagt wird, als hätte Heidi Klum genau jetzt ein gaaanz besonders tolles Foto für mich.

Gut, aber diese Zugfahrt ist geschafft, ich trotte mit der Menge zu den Bushaltestellen und warte auf den 186er. Ich warte. Es weht. Es graupelt. Meine Fingerspitzen sind inzwischen so kalt, dass ich nicht mal mehr meinen Ärger in die Welt tippen kann.
Als der Bus endlich kommt strömt die Masse zusammen, als hätte jemand an der Vordertür einen unsichtbaren Stöpsel gezogen. Ich schwappe in den Bus hinein und rette mich auf´s Oberdeck. Alle drin. Aber warum fahren wir nicht los? Butze weiterlesen

Berliner Charme

U Bahnhof Schloßstraße. Das rote Licht an den Türen ist schon an. Ein Mann im Anzug kommt angerannt, als sei der Teufel hinter ihm her. Wehender Mantel, wirrer Blick, Aktenköfferchen in der Hand. Verschlafen, denke ich wissend. Wie oft trage ich selbst dieses Gesicht. Während er auf den ersten Wagen zurennt, beginnen die Warntöne der Türen – meep- meep – meep – und er bleibt abrupt stehen. Wie es sich gehört. In einem Comic würde man jetzt die Bremsspur sehen, die sich in den grauen Beton gräbt. Verzweifelt steht er vor der offenen Tür. Die Türen schließen nicht. Sekunden des Stillstands. Verwirrtes Gucken. Da kommt die Durchsage des Zugführers aus allen Lautsprechern geschallt: „Nu steig schon ein, Du Pfeife!“

Und dafür liebe ich Berlin.

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Bitte hinsehen

Ich sitze auf dem S-Bahnhof während ich diese Zeilen schreibe. Die Märzsonne schickt ihre letzten Strahlen über die Halenseebrücke, hinter mir bei den Lauben am Hang recken sich stolz die ersten Fliederknospen dem blassblauen Himmel entgegen.
Für einen Moment schließe ich die Augen, spüre dem erdigen Geruch nach, in der Ferne höre ich die Gleise rauschen.

Es ist mein 40. Frühling in Berlin. Erinnerungen flanieren unter meiner Haut, Bilder flackern im Zeitraffer. Sie zeigen Sonntagsausflüge, orangefarbene Kniestrümpfe, S-Bahnen mit Holzbänken und einem kleinen Mülleimer unter dem Schiebefenster, dann das Schild „Bitte nicht hinsehen“. Meine Eltern erklärten, eigentlich stünde da ja „Bitte nicht hinauslehnen“, aber langhaarige Nichtsnutze würden immer die Schilder zerkratzen. Ganz insgeheim hegte ich Sympathie für diese wortwitzigen Geschöpfe, aber das sagte ich natürlich nicht laut. Bitte hinsehen weiterlesen

Chez Ingrid

Ingrid hat Geburtstag. Und wenn Ingrid Geburtstag hat, bedeutet das in der Regel: viel Essen, viel Sekt. Bedeutet: bequeme Hosen und Busfahren. Ich treibe Elvi an, in den nächsten Bus zu steigen, den ich dann natürlich verpasse. Dabei erlebe ich so gerne, wie sie den Busfahrer beim Kauf eines simplen Fahrscheins völlig aus der Fassung bringt.
Wir treffen uns in der Schloßstrasse und laufen das letzte Stück. In Blond, Bleu und guter Laune schlendern wir Hand in Hand durch die graue Masse und lachen die Frau, die uns einen Gutschein fürs Fitness-Studio schenken möchte, freundlich aus. Maultasche statt Sporttasche. Chez Ingrid weiterlesen