Schlagwort-Archiv: Sprache

Sehnsucht nach dem Sommerloch

Was für ein Sommer.
So sehr man danach suchte, kein rechtes Sommerloch wollte sich auftun. Sami A., Donald T., Chemnitz, Lunapharm, irgendwas war immer und schön war es selten. So dass man sich irgendwann im Stillen richtig danach sehnte, jemand möge endlich ein Krokodil im Baggersee aussetzen. Mir fehlte etwas ohne dieses vertraute Gefühl heiterer gemeinschaftlicher Aufregung unter der Sommersonne.

Gut, da gab es schon ein paar Randnotizen, die mir Spaß gemacht haben.
Dass die Drogerie Kette dm das Parfum von Helene Fischer, nachdem dieses beim ÖKOtest mit ungenügend durchgefallen war, mit Warnhinweisen versehen hat, zum Beispiel. In diesen wird darauf hingewiesen, dass man die Substanz nicht rauchen, nicht anzünden und nicht in die Hände von Kindern gelangen lassen sollte. Bis hierhin ist das ist noch nicht so überraschend. Aber dm riet weiter – und da wird es wirklich interessant – dass die Freisetzung des Duftes in die Umwelt vermieden und der Behälter stets dicht verschlossen gehalten werden sollte. Wenn man es dennoch wagen wolle, seien Schutzhandschuhe und eine Atemschutzmaske zu empfehlen. Sehnsucht nach dem Sommerloch weiterlesen

Mottowochen

Als meine Kinder klein waren, haben sie manchmal Worte erfunden. Weil sie Schwierigkeiten mit der Aussprache hatten, zum Beispiel: Joghurt hieß bei uns lange Loluk, Knoblauchkrabbensalat Nüpapabbe und Eichhörnchen nennen wir auch heute noch liebevoll Hossassa. Meine Freundin Kirsten war damals latent genervt und riet, wir sollten uns doch mal freiwillig beim Bundesnachrichtendienst melden, zum Verschlüsseln von Nachrichten, diese Codes würde im Leben kein normaler Mensch knacken.
Amina, die Tochter unserer Freunde, erfand damals übrigens die Kamütze. Und ich bin auch heute noch dafür, dass dieses wunderbare Wort in den Duden aufgenommen wird.
Doch irgendwann dann, etwa in der Zeit, wo sie aufhören niedlich zu sein, ändern sich die Themen. Und schwupp sind sie 18 und machen – möglicherweise – Abitur. Sie können komplizierte Worte wie Mojito und Caipirinha akzentfrei aussprechen und finden Eltern sehr peinlich, die beim Anblick eines Eichhörnchens im Stadtpark begeistert Hossassa! rufen.  Mottowochen weiterlesen

Politisch korrekt

Sprache hat eine große Kraft. Eine Gesellschaft spiegelt sich in den Worten wieder, die sie benutzt. Davon bin ich zutiefst überzeugt und ich denke, dass ich dafür ein ganz gutes Gespür habe. Eigentlich. Als Sozialarbeiterin kenne ich die Debatten darüber gut, in welcher Weise man „politisch korrekt“ zum Beispiel über Menschen mit Demenz oder Menschen mit Behinderung spricht.

Und dennoch – manchmal komme ich ins Schleudern.
Das liegt natürlich auch daran, dass sich alle Jubeljahre wieder ändert, was gerade „politisch korrekt“ ist.
Ich komme darauf weil ich gerade in der Küche stand, mit der ersten Tasse Kaffee in der Hand, zugegeben noch etwas verschlafen. Ich hörte Inforadio. Die Verkehrsmeldungen:
„Wegen des Laufes für Inklusion kann es heute im Straßenverkehr zu Behinderungen kommen.“

Au weia, dachte ich spontan. Dürfen die das sagen, Behinderungen? Politisch korrekt weiterlesen

Von Spatzen und Tentakeln

Das Plakat zeigt Swen Schulz im vertrauten Gespräch mit einer Spandauer Bürgerin.
Vertraut deshalb, weil sie nah beieinander sitzen, in lockerer Pose, auf einem Treppenabsatz.
Bürgerin deshalb, weil sie ergeben zuhört und er gestikuliert.
Spandau deshalb, weil die Frau aussieht als wäre sie gerade aus dem Florida Eisladen gekommen. Es fehlt nur noch das Shirt mit der Aufschrift Florida formte diesen wunderbaren Körper. Ich darf so was sagen, ich bin selbst sehr – sagen wir – groß, und manchmal, am Bahnhof Zoo, zeigen staunende Touristen auf mich. Auf meinem T-Shirt stünde Ich bin zwei Japanerinnen.  Aber das ist ein anderes Thema.
Swen Schulz also, SPD, zeigt plakativ jacketlose Kompetenz. Darunter in Großbuchstaben die Worte: ZUERST MENSCH.

Jedes Mal, wenn ich an diesem Plakat vorbei radle, lese ich das. Zuerst Mensch. Und jedes Mal denke ich – und… dann? Von Spatzen und Tentakeln weiterlesen

Sehnsucht nach Rauchzeichen

Ich stehe in der Küche. Mein Induktions-Herd hat sich ausgeschaltet, weil er mich vor irgendeiner Gefahr beschützen will, die ich nicht sehe. Die Nudeln sind noch jenseits von al dente, ich habe Hunger, die Kindersicherung blinkt und ich finde die Bedienungsanleitung nicht.
Im Radio reden sie darüber wie man Organe mit 3D-Druckern herstellen kann.
Und ich habe es heute Morgen nicht mal geschafft, die Verteiler-Liste für die Lesebühne in Outlook zu importieren. –
Wann ist mein Leben so kompliziert geworden?

Mittlerweile kann ich die Aussteiger verstehen, die ihre Handys verschenken,  in abgelegene Hütten ziehen und ihr Gemüse selbst anbauen.
Es ist soweit, dass ich mich nach offenem Feuer sehne. Ehrlichem Holz. Sehnsucht nach Rauchzeichen weiterlesen

Touché

Bahnhof Spandau, ich steige aus dem Regio und schiebe mein Fahrrad zum Fahrstuhl. Vor mir: zwei gediegene ältere Herrschaften, beide schätze ich auf Mitte achtzig. Und in dem leicht überheblichen Tonfall, der den folgenden Dialog bestimmt, schwingt ein Hauch von Sherlock und Dinner for One…

Sie zu ihm: „Machen Sie mal Platz, da möchte noch ein Fahrrad rein.“
Er (zischt): „Ach, vielen Dank, ich ignoriere grundsätzlich meine Umwelt.“
Sie: „Ja, so ist das, wenn man im Alter nicht mehr alles mitkriegt…“
Er: „Ja, ich habe davon gehört…  Aber Sie haben da wohl mehr Erfahrung.“

Wow. Touché. So früh am Morgen. Und schon im Kino gewesen. Hoch motiviert mache ich mich auf ins Büro. Touché weiterlesen

Miss Molly und die Elfenbeinküste

Ärgern Sie sich über Spam Mails?
Ich schon. Meistens. Insbesondere, wenn ich so vermeintlich passgenaue Werbung aufgrund meines Kaufverhaltens zugesandt bekomme. Da bestellst Du einmal ein Kleidungsstück in Größe 44 – und drei Tage später werden Dir in Deinem Mailaccount ungefragt Diät-Produkte und Minimizer-BHs angepriesen, während der Postbote mit abfälligem Blick Übergrößenkataloge liefert, die Du nie bestellt hast, und die von Firmen kommen, die so fröhliche Namen tragen wie Happy Size oder Miss Molly.
Der Tag ist dann erstmal gelaufen. Da kann man schon mal aus Frust ne Tafel Schokolade drauf essen. Ich meine, was schicken die Menschen, die Größe 34 bestellen? Essen? Probiere ich vielleicht einfach mal aus. Ich bestelle ein Kleid in 34, ne Babymütze, Inkontinenzeinlagen und ne Bohrmaschine. Allein schon um dieses fiese Programm mal zu verwirren, das da immer mein Käuferprofil erstellt. Da soll es sich mal die Zähne dran ausbeißen.

Mein Friseur Günther zum Beispiel ist Biker, so richtig durch und durch. Cooler Typ. Der kocht auch keinen Kaffee, wenn Du kommst, der sacht hinsetzen, Haare schneiden. Kaffee kannze nebenan trinken. Und während er so schnippelt Miss Molly und die Elfenbeinküste weiterlesen