Tilly und Mario – Gedanken zur WM

Mein großer Sohn hat eine Freundin. Die beiden sind sehr eng miteinander, Timon und Lilly einzeln anzutreffen ist schwierig geworden, deshalb laufen sie im Wortschatz seines jüngeren Bruders inzwischen unter einem Namen: Tilly. Es heißt also beispielsweise nicht „Sind Timon und Lilly schon wach?“ sondern „Ist Tilly schon wach?“.
Was mein Jüngster dabei nicht wissen kann, ist, dass er mit dem Namen Tilly jedes Mal eine schier endlose Kette von Werbeslogans der Achtzigerjahre auslöst, die durch meine Kopf rauscht wie eine Reihe Dominosteine – denn Tilly war und ist und wird für immer sein: Die Frau aus der Palmolive-Werbung.
Mit rauen Händen ging die 80er Jahre Hausfrau zu Tilly um ihre Hände in pflegendem Geschirrspülmittel baden zu lassen.
„Sie baden gerade ihre Hände drin.“
„In Geschirrspülmittel?“
„Nein, in Palmolive…“
Ungefragt entspinnen sich Sätze und Melodien zwischen meinen Synapsen… Litamin, sanft umhüllt Dich weicher Schaum, Polykur, gesundes Haar ist schön,
Wenn der Abfluss mal verstopft ist, Viss kann nicht kratzen, Clementine wäscht, Herr Kaiser kommt, Meister Propper glänzt, die schönsten Pausen sind lila und dazu dudelt Lalala Baccardi Rum.

Ich vertrete bis heute die Theorie, dass mein klägliches Versagen im Geschichtsunterricht darauf zurückzuführen ist, dass in meinem Hirn einfach kein Speicherplatz für Daten mehr frei war, irgendwas musste da hinten runterfallen, und auch heute, 30 Jahre später, ist das alles noch da und völlig sinnfrei auf Abruf. Ich weiß nicht, was die Evolution sich dabei denkt. Wenn das Mammut auf mich zukommt, wird Meister Propper mich nicht retten. Aber es zeigt einmal mehr, wie groß der Einfluss der Werbeindustrie wirklich ist.
Die Werbeindustrie – das ist die Industrie, die einem im Moment ein bißchen leidtut, hat sie doch in diesem Jahr alles auf das große Geschäft der Fussball-WM gesetzt. In jedem Supermarkt gibt es gibt es Fähnchen, Sonnenbrillen und diverses Polyester in Schwarzrotgold, bei Karstadt an der Kasse stand sogar eine exklusive Lübecker Marzipan-Edition. Und bei Rossmann gibt es den launigen 12er Pack Gefühlsecht, Produktname: Preventivo – die Torverhüter. Limited Edition. (Die stehen direkt neben den Einhorn-Kondomen, aber das ist eine andere Geschichte.) Gegenüber beim REWE: Sticker, Schlüsselanhänger und jede Menge Tassen mit dem Konterfei verschiedener Nationalspieler. Ich stelle mir so vor, ich nehme morgens beim Aufwachen meine Tasse Kaffee zur Hand und blicke in das Gesicht von, sagen wir, Mesut Özil. Ich glaube, ich würde sofort wieder einschlafen. Und wenn Jogi Löw auf so einer Tasse drauf ist, ist es dann eigentlich automatisch eine trübe Tasse? Und waren die Tassen mit Mario Götze schon bedruckt als die Nominierung bekanntgegeben wurde? Gesehen habe ich keine. Vielleicht sind sie günstig abgegeben worden, als Poltergeschirr oder so. Geht ja oft schnell – heute eine Star, morgen ein Sonderposten.

Samsung hatte Mario Götze wohl schon vor der ausbleibenden Nominierung unter Vertrag. Was macht man da? Aus der Not eine Tugend, vielleicht: Herausgekommen ist ein Werbespot, der es ganz grob mit der Botschaft „Wird schon wieder“ versucht:
Ein trauriger Mario Götze läuft mit hängenden Schultern durch´s Bild, ganz allein ist er, auch ist es sehr dunkel im Stadion. Dazu läuft der zutiefst ergreifende Song „Hurt“ von Johnny Cash, während im Hintergrund ein Trikot mit der Nr.19 und dem Schriftzug „Götze“ in Flammen aufgeht…
Ich finde diese Inszenierung der Niederlage ebenso interessant wie ungewöhnlich. Und ich mag den Song. Aber mal ehrlich – ob mich das nun inspiriert, Samsung-Produkte zu kaufen? … sagen wir mal, das bleibt wohl abzuwarten. Kauft eigentlich wirklich jemand die Nivea-In-Dusch-Milk, weil Jogi Löw dafür wirbt? Oder trotzdem?

Nicht auszudenken, was nach einer Niederlage der Deutschen Mannschaft gestern Abend alles an Werbeetats zu Staub zerfallen wäre. Supermärkte hätten Wochenendschichten eingelegt, um all das Zeug zu reduzieren. Die ganze Elf ein preisreduziertes Mängelexemplar. Die Kondome hätte man vielleicht noch nach Schweden exportieren können, aber sonst…

Es ist ja nochmal gut gegangen. Das Ende des Spiels war „Kroosartig“ wie der Moderator sagte und am Ende hat Deutschland mit 2:1 gegen Schweden gewonnen.
Wenn man 95 Minuten lang zusehen musste, wie der Bundestrainer sich immer wieder erst an die Nase und dann an den Mund fasst, dann ist das, finde ich, auch das Mindeste. Das habe ich meinen Kindern schon in der 1. Klasse abgewöhnt. Und wenn ich wegen irgendwas mal die beleidigte Mutter raushängen lasse und so gucke wie Tony Kroos gestern, als er auf seine Fehlpässe angesprochen wurde, dann nehmen sie mich gar nicht ernst sondern sagen Dinge wie „ooooch… warst Du auf der Akademiemimimi?“ und dann kriege ich mich meist schnell wieder ein, weil ich merke wie albern das ist. Kroos derweil spricht von Eiern, die man erstmal haben muss und die wieder keiner sehen würde. Und ganz ehrlich – will ich auch nicht. Gibt es eigentlich in den Supermärkten schon WM-Eier? „Schwarzrotgold, aus Rasenhaltung“? „Harte Schale, weicher Kern“?  …
„Das Ei ist rund“, das hat schon Sepp Herberger gesagt. Oder so ähnlich jedenfalls.

© Susanne Riedel, 24.06.2018   www.regenrausch.de