Touché

Bahnhof Spandau, ich steige aus dem Regio und schiebe mein Fahrrad zum Fahrstuhl. Vor mir: zwei gediegene ältere Herrschaften, beide schätze ich auf Mitte achtzig. Und in dem leicht überheblichen Tonfall, der den folgenden Dialog bestimmt, schwingt ein Hauch von Sherlock und Dinner for One…

Sie zu ihm: „Machen Sie mal Platz, da möchte noch ein Fahrrad rein.“
Er (zischt): „Ach, vielen Dank, ich ignoriere grundsätzlich meine Umwelt.“
Sie: „Ja, so ist das, wenn man im Alter nicht mehr alles mitkriegt…“
Er: „Ja, ich habe davon gehört…  Aber Sie haben da wohl mehr Erfahrung.“

Wow. Touché. So früh am Morgen. Und schon im Kino gewesen. Hoch motiviert mache ich mich auf ins Büro. Hier, in der Altenhilfe, habe ich tagtäglich mit älteren Menschen zu tun. Und erlebe ganz abseits der Klischees jede Menge spannende und facettenreiche Charaktere.

Früher fand ich alte Leute langweilig. Meine Assoziationen waren, ich gebe es zu: verdrossen, verbohrt, nörgelig und ewig gestrig. Geiz, Mißtrauen, Volksmusik und Büchsengemüse. Zu meiner Verteidigung muß ich sagen, dass diese Attribute auch durchaus auf all meine Verwandten ersten und zweiten Grades zutreffen. Umso glücklicher bin ich, dass ich im Rahmen meiner Arbeit meinen Horizont erweitern durfte.

Von Frau K., die fast hundert ist und also das Kaiserreich noch mitbekam im alten Berlin, hörte ich mal folgenden Satz „Und denn kamen Se alle janz uffjerecht vonna Allee jerannt und riefen: Ick hab´ SM jeseh´n, ick hab´ SM jeseh´n!
Wegen meines irritierten Blicks erklärte sie dann beiläufig, SM sei damals die Abkürzung für Seine Majestät gewesen. Diese Erklärung unterbrach dann Gott sei Dank jäh mein Kopfkino.
Eine schwerkranke alte Frau am Sauerstoffgerät raunte mir mal zu „Mensch, Frau Riedel, man sieht mir dit nich mehr an… aber ick war in San Francisco damals, in zerrissenen Jeans….“  und dabei blitzten ihre Augen. Und man bekam so eine Ahnung.
Der übergewichtige und immer etwas zu blasse Herr H. sang beim Sommerfest immer gerne aus voller Kehle Matrosenlieder. Soweit, so gut, Generation Freddy Quinn, dachte ich. Die Geschichte dahinter – das Abhauen von zu Hause, das Zur See-Fahren und die selbst gestochenen Tattoos, bevor er seine Boxer-Karriere begann – all das erfuhr ich erst im Laufe der Jahre.
Seither bin ich nicht mehr so schnell bei der Hand mit meinen Schubladen. Und bei Dialogen wie dem heute Morgen im Fahrstuhl frage ich mich seither immer, was wohl die Geschichte hinter diesen Menschen ist. Überhaupt bremse ich mich mit dieser Frage öfter mal aus, wenn ich wieder mal dabei bin, mich über meine Mitmenschen aufzuregen. Über die, die morgens sturzbetrunken in der U-Bahn sitzen. Sich an der Kasse vordrängeln. Gurkenfahrstühle von Tupper kaufen.
Wenn ich mir kurz sage „Ich kenne die Geschichte dahinter nicht“ reicht das meist schon aus, um einmal tief Luft zu holen und mich in Gelassenheit zu üben.

Ich frage mich, wie die Welt aussieht, wenn wir alt sind, so richtig alt…
Wir werden viele sein, so viel steht fest. Und eigen, keine Frage. Ich stelle mir Pflegeheime vor, wo die Wohnbereiche vielleicht nach Musikgeschmack geordnet sind. Die Sprüche an den Wänden heißen nicht mehr „Üb immer treu und Redlichkeit“ sondern „Dance like noone is watching“. Pflegekräfte bekommen Fortbildungen in der Versorgung 8o Jahre alter Tattoos und Piercings.  Es wird endlich stimmen, wenn wir uns mit Ey, Alter ansprechen. Der Wohnbereich Helene wird zu dem Wohnbereich R´n´B ein Verhältnis pflegen wie Griffindor zu Slitherin, doch all das wird friedlich ausgetragen bei den Hausmeisterschaften im Chair-Rocking und 3D-Angeln… Und in den Hochbeeten blüht der Hanf…

„Mum, mach Dir doch nicht solche Gedanken“, sagt mein Sohn. „Du bist doch in der Blüte Deines Alters!“ Genau, denke ich mir.
Und wenn ich weiß, wie diese Blüte aussieht – dann lasse ich mir vielleicht doch noch ein Tattoo stechen.

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