Über Sanddorn und Meerbusen

Septembersonne. Eine Terrasse in Kloster auf Hiddensee. Blick in die Weite. Der Seewind trägt Wasser- und Wolkenmeere spazieren, dort hinten springen Rehe übers Feld. Eine Möwe zieht akrobatisch ihre Kreise, Zugvögel steigen auf. Latte Macchiato an spätsommerblauem Himmel. Ich fühle mich, als würde ich Urlaub in einem Gedicht machen.

Die Leute um mich – hm. Seltsame Mischung.
Hektische Eltern verscheuchen Wespen von Kindertellern.
Ein älteres Ehepaar sitzt sich diagonal gegenüber, schweigt aneinander vorbei.  Bierdeckel auf warmen Biergläsern.

Einem jungen Mann ist peinlich, dass seine Freundin gerade von einer Wespe gestochen wurde. Er sieht sich um wie mein Vater sich früher immer umgesehen hat. (Mensch, nu mach nicht so´n Theater, die Leute gucken schon alle her.) während die kleine Clara-Zoe am Nebentisch ausprobiert, ob der Kinderteller auch fliegen kann. „Clara-Zoe, das war jetzt aber nicht nett, Spatz“ – Kreuzberger Singsangschelte vermischt sich mit Möwengeschrei.
Die Kellnerin trägt ein wirres Lächeln. In der nächsten Saison fängt sie vielleicht doch eine Ausbildung an.

Alle fühlen sich sportlich hier. Man fährt schließlich Fahrrad. Und alle kaufen Postkarten von der „Künstlerinsel Hiddensee“, fühlen sich selbst schon fast als Künstler, weil nämlich: sie haben das Grab von Gerhart Hauptmann gesehen.

Auch isst man Sanddorntorte. Und Sanddornquark. Und Sanddorneis. Schließlich hat man die Insel verstanden. Nachher bringt man den Daheimgebliebenen deshalb auch etwas Sanddornaufstrich mit. Der dann ganz weit hinten im Schrank landet.

Wer mag eigentlich Sanddorn?!

Als Clara-Zoes Schwester Charlotte gerade ihren 3jahrealten Sopran in beachtliche Höhen schraubt gehe ich gerade. Mir ist noch nach etwas Strand und Ruhe. Besorge mir was zum Abendessen im Supermarkt und sitze kurze Zeit später im warmen Sand und schaue auf die Wellen.

Das Boot, das neben mir im Sand liegt, heißt „Ursula Unsinkbar II“.
Frage mich nachdenklich, was wohl mit „Ursula Unsinkbar I“ passiert ist.

Ich sitze am Hiddenseer Strand und habe Sylter Salatdressing auf meinem mediterranen Fertigsalat. Hat was. Das Bier ist kühl, mein Herz ganz warm.
Denke über Namen nach. Ob es ein Boot gibt, das Clara-Zoe heißt?

Beobachte die letzten Nacktbader in der Abendsonne. Es ist so ein wunderbar anderes Publikum hier als im Berliner Fitness-Club. Die pure Lust am Leben, die hier ins salzige Wasser rennt. Hier folgt so manches Körperteil ganz selbstbewußt der Schwerkraft, und keinen Menschen interessiert´s. Da wird der Hängebusen zum Meerbusen. Und was das Meer mit den Gesichtern der Menschen macht – da kann jeder Schönheitschirurg einpacken. Das Wort Milde geht mir durch den Kopf. Auf dem Heimweg mache ich noch einen Abstecher zum Yachthafen. Die Sonne geht unter. Die Boote im Yachthafen heißen Romy, Liberty und Bodo.

Mehr ist nicht zu sagen.

postkarte-welle-front