Von Spatzen und Tentakeln

Das Plakat zeigt Swen Schulz im vertrauten Gespräch mit einer Spandauer Bürgerin.
Vertraut deshalb, weil sie nah beieinander sitzen, in lockerer Pose, auf einem Treppenabsatz.
Bürgerin deshalb, weil sie ergeben zuhört und er gestikuliert.
Spandau deshalb, weil die Frau aussieht als wäre sie gerade aus dem Florida Eisladen gekommen. Es fehlt nur noch das Shirt mit der Aufschrift Florida formte diesen wunderbaren Körper. Ich darf so was sagen, ich bin selbst sehr – sagen wir – groß, und manchmal, am Bahnhof Zoo, zeigen staunende Touristen auf mich. Auf meinem T-Shirt stünde Ich bin zwei Japanerinnen.  Aber das ist ein anderes Thema.
Swen Schulz also, SPD, zeigt plakativ jacketlose Kompetenz. Darunter in Großbuchstaben die Worte: ZUERST MENSCH.

Jedes Mal, wenn ich an diesem Plakat vorbei radle, lese ich das. Zuerst Mensch. Und jedes Mal denke ich – und… dann? Meine Fanstasie kommt dann in Gang, und je nachdem, ob ich genug getrunken habe oder eh schon ein wenig dehydriert über dem Lenker hänge, sind die Bilder in meinem Kopf dann recht seltsam. Ich habe mal diese Weltraum-Fanstasy-Serie gesehen. V – Die Besucher. Da waren die Leute auch zuerst Mensch. Aber dann…. Brrrr. Ich sage nur: jede Menge Tentakel.
Swen Schulz jedenfalls ist seitdem in meinem Unterbewußtsein mit Tentakeln assoziiert. Das kann er nicht gewollt haben. Aber so ist das mit den Wahlstrategien. Du weißt nicht, was letzten Endes beim Wähler hängen bleibt. Ist auch nicht anders als bei meinem Mann. Dem hab ich zu seinem Geburtstag so einen kleinen Spruch auf handgearbeitetem Holz geschenkt, aus einer Galerie, auf dem steht „Spatzen im Bauch“. Ich fand das nach rund 20 Jahren eine echte Liebeserklärung, unsere Schmetterlinge sind inzwischen halt ziemlich handfest und stabil, sie sind gewachsen und ich mag Spatzen, die sind knuffig und plüschig und frech und liebenswert und überhaupt.  Soweit die Idee.
Was bei ihm ankam war: Spatzen. Fressen Schmetterlinge. Alles vorbei.
Ich konnte das dann glücklicherweise noch aufklären. Seitdem steht das Ding ein wenig gefürchtet auf dem Klavier rum. Ich frage jeden, der uns besucht, nach seiner Assoziation. Und siehe da: halbehalbe, in etwa. Für die meisten Frauen: eine schönschräge Liebeserklärung.  Für die meisten Männer: das wahrscheinlich dümmste Geschriebene der Welt.

Soviel dazu. Tentakel-Schulz konnte jedenfalls auch nicht absehen, welches Kopfkino er bei mir auslöst. Und die CDU konnte es auch nicht. Über die Formulierung Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben habe ich schon viel nachgedacht. Laut Wörterbuch ist die Formulierung „gut und gerne“ ein Synonym für „mindestens, wenigstens, grob geschätzt“. Also – für ein Land in dem wir wenigstens leben können könnte man dann auch sagen. Klingt dann allerdings nicht mehr so frisch.
„Kurz und gut“ ist auch eine Redewendung, die ich da in Gedanken manchmal einsetze. Für ein Land in dem wir kurz und gut leben können. Das würde mich persönlich auch ansprechen. Und wäre irgendwie auch ehrlicher, wenn man die Rentenkassen so anschaut.

Bei all diesen verqueren Gedanken frage ich mich mittlerweile, ob ich vielleicht so eine Art Plakat- und Schilderlegasthenie habe. Mit Verkehrsschildern passiert mir das auch manchmal. Bei „Gehwegschäden“ denke ich auch immer Geh-weg!-Schäden. (So mancher Mann in meiner Biografie hatte auch einen Geh-weg!-Schaden. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.)

Inzwischen muss ich auch wirklich aufpassen, dass ich nicht vor lauter Wahlplakateguckerei gegen den Baum fahre.
Die AfD wird meine Stimme leider nicht kriegen, da muss man dann Bikinis tragen, und ehrlich, was meinen Mut zur knappen Bademode angeht – da bin ich doch mehr so der Burkatyp.
Die Grünen wollen Erdogan ärgern, ok, mach ich mit, aber dafür ein ganzes schönes Kreuz hergeben? Und Frau Künast sieht auf den Plakaten diesmal auch aus wie Mutti mit Billy-Idol-Lippe.

Ein Plakat der Partei Die Partei zeigt Nico Semsrott, darüber der geniale Satz „Wir geben der Krise ein Gesicht“. Der könnte über so ziemlich jedem Plakat stehen, das ich bisher gesehen habe, parteiübergreifend.
Der Personenkult der FDP zum Beispiel geht gar nicht. So smart wie Patrick, Verzeihung, Christian Lindner auf den Werbeplakaten tut, so ganz in Dichter-Denker-Literat-Schwarzweiß … – neulich schrieb jemand unter das Plakat: Alle 11 Minuten verliebt sich ein Liberaler in sich selbst.
Nur ohne Herz eben.

Vielleicht wird es ja die Partei für Gesundheitsforschung? Da kann ich Krebs, Herzinfarkt und Alzheimer abwählen! Ganz ehrlich, das ist doch wirklich mal was Zukunftsorientiertes. Und dann müsste es auch nicht länger kurz und gut heißen in meiner Lebensplanung. Sondern vielleicht lang und leicht. Klipp und klar. Und vor allem kreuz und quer.

Ich habe die Wahl.

Spatzen im Bauch