Alle Beiträge von Susanne Riedel

Ja / Nein ?

„Ist das jetzt eigentlich typisch deutsches Essen?“ fragt mein jüngerer Sohn mit Blick auf seinen Teller. „Du meinst wegen der braunen Sauce?“ fragt der ältere zurück und kriegt darauf ein Highfive von seiner Freundin.

Mit den Dreien zusammen am Tisch zu sitzen ist meist sehr unterhaltsam. Außerdem eröffnet es die Möglichkeit, in beiläufigen Gesprächen ein wenig ins Teenager-Universum einzutauchen. Man will ja den Anschluss nicht verlieren. „Mein erster Freund ist gerade Vater geworden“, erzählt Emmy, „habe ich auf Instagram gesehen. Voll krass. Aber es war eigentlich auch nicht mein richtiger Freund-Freund, es war mein WhatsApp-Freund.“ 
Offensichtlich bemerkt sie das Fragezeichen über meinem Kopf „Der war an meiner Schule, wir haben und immer ganz verliebt geschrieben. Aber getroffen haben wir uns eigentlich gar nicht. Hach, das war voll schön, eigentlich…“ 
Mein Sohn lässt diese Bemerkung gelassen an sich abperlen. 
„Da sieht man wieder deutlich unseren Altersunterschied“ erwidert er nur. „Meine erste Freundin war noch eine SMS-Freundin.“ 

Ich bin verwirrt. „Meine SMS-Freundin, mein WhatsApp-Freund… sind das gängige Begriffe?“
Der Jüngere schaltet sich ein. „Ja, total. Also damals, heute passiert mehr auf Insta. Aber logisch, dass Du das nicht kennst. Ich meine, als Ihr Euch kennengelernt habt, sind ja noch Brieftauben geflogen.“
Die Vorstellung gefällt mir, ich korrigiere ihn nicht. 

In Wirklichkeit war es ja auch so, dass wir noch Zettel geschrieben haben damals. Nur ohne Tauben halt. Kleine Botschaften aus blauer Tinte, mit Mühe durch die Stuhlreihen des Klassenzimmers geschmuggelt. Bei Julia blieben sie manchmal hängen, sie hatte immer Angst, erwischt zu werden. Und Boris, der Hund, hat immer mitgelesen, bevor er weitergegeben hat. 
Wenn es ernst wurde, stand auf dem Zettel: Willst Du mit mir gehen? Ja / Nein.

Christian hat so einen Zettel mal bekommen und war so überfordert mit dem Ja / Nein, dass er ihn aufgegessen hat. Der Grundstein für Beziehungsstörungen wird manchmal schon recht früh gelegt. 

Ich habe so einen Willst-Du-mit-mir-gehen-Zettel einmal geschrieben. In der Grundschule, an Thorsten N. . Er hat ihn nicht beantwortet, sondern eingesteckt und seinen Eltern gezeigt. Am nächsten Tag kam er zu mir und sagte „Meine Mutter lässt fragen: Wohin?“ 

Der Grundstein für Beziehungsstörungen wird manchmal… 

Aber das sagte ich wohl schon. 

Heuligabend (reloaded)

Manchmal ist es gar nicht die Autokorrektur, manchmal vertippe ich mich auch von ganz alleine. Ein Wort, das dabei seit Jahren immer wiederkehrt, ist Heuligabend. Ein Freud’scher Verschreiber, sozusagen, der die Geschichte der nunmehr fünfzig Weihnachtsfeste meines Lebens eigentlich ganz gut zusammenfasst. Anders gesagt: Es war nicht alles Lametta.
Meine Weihnachtserinnerungen – zumindest die meines Erwachsenenlebens – sind bestimmt von Hetze, Druck, Pflichtterminen mit einer einander zutiefst verachtenden Verwandtschaft, Streit, Kommerz – und meinem dennoch nicht totzukriegenden Wunsch, zu Weihnachten diese „Besinnlichkeit“ herzustellen, von der immer alle sprechen. Vergebens. 

In den letzten Jahren nun geht eine Veränderung vonstatten. Die Altvorderen geben nach und nach das Zepter für die Familienfeste aus der Hand (einige auch den Löffel), während aus der nachfolgenden Generation keiner übernehmen möchte. Sowohl an Heiligabend als auch an den Feiertagen ist der Kalender in diesem Jahr deshalb verblüffend leer. Eine völlig neue Erfahrung. 

Ob wir damit klarkommen? 
Ich will ehrlich sein. Wir kommen sowas von klar. 
Nach all den Jahren der Hin- und Herrennerei zwischen den diversen Eltern, Onkeln und Tanten, die man nicht in einem Zimmer versammeln konnte, ohne dass sie einander in kürzester Zeit an die Gurgel gingen (wir hatten es zweimal probiert und waren eindrucksvoll gescheitert), sind wir offiziell die Generation, der man kein schöneres Geschenk machen kann als ein Weihnachtsfest ohne Verpflichtungen. 

Heiligabend ist entspannt wie nie. 
Wir sind zu viert zu Hause, das gab es so noch nicht. Nur der Mann, die Jungs und ich. 
Schon im Vorfeld hatten wir besprochen, wer welche Wünsche hat – für die Jungs gibt es deshalb Geschenke und Cocktails, für mich einen Spaziergang und Kerzen, und für den Mann? Der Mann braucht nichts. Er ist wunschlos glücklich, hat er gesagt, und wir kennen einander nun lange genug, um uns sowas dann auch einfach mal zu glauben. 
Einen Baum gibt es in diesem Jahr auch nicht, ich habe nur ein paar Tannenzweige besorgt. Das Weihnachtsoratorium höre ich beim Kochen, zum Essen gibt es dann Lamm, Rosenkohl mit Honig, Sekt und Reggae. 
Der Große bietet alle Schätze aus seinem Gewürzadventskalender auf, den er von seiner Freundin bekommen hat, unser Favorit heißt Maria und Sausef. Die Gespräche perlen munter über den reich gedeckten Tisch, der Herrnruther Stern im Fenster leuchtet stolz und im Licht der Straßenlaterne sieht man das Treiben dicker matschiger Schneeflocken. Es ist Weihnachten und es schneit zwar nicht, aber es schnegnet: Das Kind in mir ist happy. Es wird nicht zum Rodeln reichen, aber zumindest haben wir nicht wieder diese frühlingshaften Temperaturen mit unangebrachtem Vogelgezwitscher wie sonst so oft an den Feiertagen. Es ist sogar so kalt, dass wir das ganze alkoholfreie Bier vom Balkon geholt haben, damit die Flaschen nicht platzen.  Was sich als günstig erwies, weil wir sonst gar nicht genug Platz für den ganzen Alkohol gehabt hätten, den wir gekauft haben. 
Erst während des Essens bemerke ich, dass ich vergessen habe, mich umzuziehen, ungeschminkt und in Jogginghose sitze ich an der Festtafel. Die Art von Schreck erinnert mich an diese Träume, die man manchmal hat, in denen man in der Schule rumläuft und plötzlich merkt das man nackt ist. Überlege kurz, das Essen zu unterbrechen, dann schaue ich meine unglaublich entspannte Familie an und gieße mir lieber noch ein Glas Wein ein. So what. 

Nach dem Essen gibt es die Cocktails. Cosmo, Zombie, Margarita. Die drei Unheiligen aus dem Land, in dem die Kopfschmerzen von Morgen gemacht werden. Die Fugees singen Killing me softly, Sohn I. und ich singen lautstark mit. 
„Höret zu und tuet Buße“ murmelt der Zweitgeborene augenrollend, lässt uns aber gewähren, nimmt sich einen Notizblock und fängt an zu zeichnen. Das macht er in letzter Zeit öfter. Er zeichnet… – Tangenten. Mathe. Das hat für ihn was Beruhigendes, sagt er, er liebt diese tiefe Logik, die dahinter steckt. Und die will er auch uns zu gerne nahebringen, immer wieder, das ist nicht nur irritierend, es hat auch ein bisschen was Missionarisches. Früher haben die Zeugen Jehovas geklingelt und wollten mir Gott verkaufen – jetzt tippt mir mein Sohn auf die Schulter und will mich zu Mathe bekehren. „Guten Tag, ich will mit Dir über Tangenten sprechen, ich erklär´ Dir erstmal das Grundprinzip der einfachen Ableitungen“ sagt er dann mit leuchtenden Augen. Und wenn ich – wie heute – erkläre, dass ich dazu gerade so gar keine Lust habe, sagt er Dinge wie „Komm schon, Wissen ist ein Geschenk. Und es ist Weihnachten!“ und dann fällt mir gar nichts mehr ein, weil ich ihn für so viel Schlagfertigkeit eigentlich nur küssen möchte, aber langweilig sind die Tangenten immernoch. Wie froh ich dann bin, wenn der Erstgeborene dann ergeben sagt: „Na komm, erklär´s mir, ich kann mich gar nicht mehr erinnern“, und auch ihn möchte ich nur küssen für so viel Bruderliebe, mein Mutterherz jubiliert, es ist wie… wie Weihnachten?

In diesen Moment hinein kommt der Mann vom Rauchen zurück, leise schließt er die Balkontür hinter sich. Ganz verfroren sieht er aus – wahrscheinlich hat er gewartet, bis er sicher war, dass wir nicht mehr singen – und so stehen wir nun eine Weile versonnen nebeneinander wie die Ochsen vor der Krippe und betrachten unsere fast erwachsenen Kinder wie sie im Kerzenschein sitzen – und Mathe machen. Es ist herrlich absurd.
Ich schreibe meiner Freundin Mara eine kurze WhatsApp-Nachricht, denn sie hat auch so einen mathematikbegeisterten Sohn. „Es ist Heiligabend“ schreibe ich, „und er sitzt da und zeichnet Tangenten“. 
Mara ist auch gerade online und schreibt direkt zurück:
„Es ist Heiligabend.“ Schreibt sie. „Und Julius hat gerade einen Mathematik-Kalender geschenkt bekommen mit dem Titel Nachts teile ich heimlich durch Null…“ Oh, ich habe so genau den Gesichtsausdruck vor Augen, den sie dabei hat, diesen Gesichtsausdruck einer Mutter zwischen Stolz und Verstörung, und einmal mehr fühle ich mich ihr sehr verbunden.

Der Abend plätschert fröhlich dahin. Wir reden über das vergangene Jahr, über Dinge, die schön waren, trotz Corona. Über Musik. Über Reisen. Über Dinge die Hoffnung geben. „Karl Lauterbach“ sagt der eine, „deine Mudder“ der andere, und ich höre einfach nur zu und könnte sie unentwegt in den Arm nehmen.
Trotz vorgerückter Stunde setzen die Jungs schließlich durch, dass wir vor dem Schlafengehen noch eine Runde Mariokart zocken, dabei plündern wir eine Geschenketüte mit Niederegger-Marzipan. Es gibt viele trendige Sorten wie Cheesecake und Caramel Brownie, der Jüngere entscheidet sich für: Nuss. „Klassisch“ sagt er. „Was Marzipan angeht, bin ich die CDU“, und ich denke, dass er für sein junges Leben irgendwie schon ganz schön viel begriffen hat. 

Gegen 23 Uhr beschweren sich die Nachbarn, dass die Musik zu laut ist, außerdem würde man unser Lachen durchs ganze Treppenhaus hören. Ihre Verwandten seien zu Besuch, schreiben sie in einer Nachricht, schließlich sei Heuligabend und… 
Weiter komme ich gar nicht. Tatsache! geht es mir plötzlich auf. Heute ist Heuligabend! Und es tut gar nicht weh. 

Mache die Musik ein bisschen leiser. 

Das Lachen nicht.  

Über mich / Misunderstood

Die „Gilde der Abenteurerinnen“ ist auf mein Buch gestoßen und hat mich interviewt. In diesem Rahmen entstand dieses kleine Video. Eine Frau, ein Text und eine Tischdecke. Erhellende Einsichten, verstörende Frisuren. Viel Spaß!

Der ganze Artikel findet sich hier:
https://gilde-der-abenteurerinnen.de/susanne-m-riedel/

Wahltag

Sonntagmittag, kurz nach 12, wir machen uns auf den Weg. 
Der Mann ist gerade nicht in Berlin und hat schon alles per Briefwahl erledigt, doch ich wollte mir den feierlichen Gang zum Wahllokal mit unserem 17jährigen Sohn nicht nehmen lassen, der in diesem Jahr zum ersten Mal wählen darf, wenn auch nur die Bezirksverordnetenversammlung. 
Der Himmel ist blau, die Sonne scheint auf die Steglitzer Nebenstraßen als wüsste sie nichts von der Tragweite des heutigen Tages. Erste Kastanien liegen auf den Gehwegen, wir kicken sie mit den Schuhspitzen und lassen sie über die Gehsteigplatten springen. Ein Spektakel, für mich eigentlich das Schönste am Herbst. Kastanien über Gehsteigplatten springen lassen. Das entspannt ungemein, probiert es mal aus. Aber ich schweife ab. 

Wir laufen also Richtung Wahllokal, diesmal ist es die Evangelische Grundschule in der Beymestraße. Los geht´s. 
Beschwingten Schrittes und gehobener Stimmung biegen wir in die Straße, während wie schon mal Perso, Maske und Wahlbenachrichtung aus den Taschen zuppeln. Wir hoffen, wir sind schnell wieder draußen, denn wir haben das Frühstück heute ausfallen lassen, wollen lieber früher Mittag essen und so langsam meldet sich der Hunger… – in dem Moment sehen wir Warteschlange. Je näher wir herankommen, desto mehr wird uns das Ausmaß bewusst: vom Eingang der Schule über die 30 Meter lange Auffahrt bis zur Straße und dann um die Ecke, den Gehweg entlang stehen Menschen. Schilder auf dem Boden sagen: „Hier nur Schlange für Wahlkreis 211. 210 rechts im Hof.“ Rechts im Hof sehe ich aus der Ferne eine etwa dreiköpfige Schlange. Hoffnung keimt auf, wir schauen auf unsern Wisch: Verdammt. 211. Wir seufzen tief, dann reihen wir uns ein. 
Wir zählen die Köpfe in der Schlange vor uns durch. Wir kommen auf 53, aber es sind definitiv noch mehr, denn die Köpfe der auf dem Rollator sitzenden wartenden Seniorinnen sieht man nicht. Mein Sohn betrachtet die Szene eine Weile und schaut mich ungläubig an. „Echt jetzt? sagt er. „Soll ich mal Bescheid sagen, dass die noch ne Kasse aufmachen sollen?!“ und ich liebe ihn für diese Idee. 
Die Umstehenden auch. 

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Gruß von Christa!

Heute mal eine Randnotiz.
Wenn ich schreibe, erzähle ich aus meinem Leben. Aus dem echten bekloppten verrückten Leben, durch das wir uns tagein, tagaus bewegen, oder: das sich durch uns bewegt, ob wir wollen oder nicht. Leben halt. Nichts ist erfunden. 

Und so kommt es natürlich vor, dass in meinen Texten Familienangehörige, Freundinnen und Freunde auftauchen. Bevor ich diese Geschichten dann vorlese oder sonstwie veröffentliche, frage ich natürlich nach, ob die Betreffenden mit der Nennung ihres echten Namens einverstanden sind oder ob ich etwas verklausulieren soll. 
Das allerdings kommt selten vor. Erstaunlich selten. Was mich natürlich freut, denn so ist beim Erzählen auch das letzte Fünkchen Authentizität gewahrt.
Wenn ich von meiner Freundin Christa spreche, zum Beispiel. Denn Christa ist einfach sowas von Christa – der Name ist für mich ein gefühltes Gesamtpaket, ihn zu ersetzen fiele mir schwer. 

In der Geschichte „Das Perlhuhn“ habe ich vor einiger Zeit von Christa und ihrem Töpferfeldzug berichtet, in dem sie sich für all die furchtbaren selbstgebastelten Muttertagsgeschenke ihrer inzwischen großen drei Söhne revanchierte. Ein Sohn hatte einen Stiftebehälter bekommen mit einem modellierten Seestern darauf, der zweite eine Art Schale und bei Sohn Nr. 3 – da weiß bis heute keiner so genau, was es sein soll. Sie auch nicht. 
„Susanne“ hatte sie damals mit einem Blitzen in den Augen verkündet. „Ab heute wird zurückgetöpfert“. Ich fand das großartig. Deshalb schrieb ich es auf. 
Christa freute sich, als die Geschichte in einem Buch erschien, verschenkte sie es kichernd in ihrem gesamten Freundeskreis, und als ich die Geschichte bei der Ladies Night erzählte, reiste sie mit nach Köln und saß glucksend in der ersten Reihe. So weit, so gut.

Ob sie allerdings noch einmal ihren wirklichen Namen hergeben würde, weiß ich nicht so genau. Denn seither muss sie sich so einiges anhören… 

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Snälltåget (In groben Zügen)

„Meine Damen und Herren, an Gleis 5 steht für Sie bereit…“
Es ist so weit, ich bin ein bißchen aufgeregt. 
Über die neue Bahnstrecke wurde in den letzten Wochen viel berichtet, auch im Radio und in der Abendschau wurde es feierlich verkündet: Der neue Snälltåget bietet seit diesem Sommer eine Direktverbindung von Berlin nach Stockholm an. 
Es gibt auch eine Nachtverbindung, bei der man bequem schlafen kann, und wenn man aufwacht, während das Frühstück serviert wird, ist man schon in Schweden und fährt entspannt an grünen Wiesen und roten Häusern vorbei, bevor man am Wunschort aus dem Zug steigt und maximal erholt in den Urlaub startet. Für genau diese Nachtverbindung habe ich mich entschieden. 14 Stunden sind es von Berlin-Gesundbrunnen nach Alvesta in Småland. 

Es ist 19 Uhr, gleich geht es los. Als ich in den Waggon klettere, bin ich erstmal erstaunt. Eine alte Gittertreppe führt in ein altmodisches Großraumabteil. Also, „Groß“, naja. Die Sitze sind mit rotem Polyester und hellbraunem Kunstleder bezogen, der Boden mit braunem Teppich ausgelegt, das Licht ist schummerig und flackert ein wenig. Na dann, denke ich, auf ins Abenteuer, und suche meine Platznummer. 
91, aha, na gut. 
Das ältere schwedische Ehepaar, dem ich gerade beim Einsteigen mit den schweren Koffern geholfen hatte, guckt mürrisch, als ich meine Reisetasche auf die Plexiglasablage hieve und direkt Ihnen gegenüber im Viererabteil zu sitzen komme. 
„Welchen Sitz haben Sie?“ fragt die Frau mit heruntergezogenen Mundwinkeln und vorgeschobenem Unterkiefer. Diesen Gesichtsausdruck kenne ich, den erkenne ich sogar durch die Maske. Ich hab ihn hundertmal gesehen – an meiner Schwiegermutter. Er deutet auf latente Übellaunigkeit und akuten Hunger hin, ich weiß Bescheid. Da heißt es jetzt: besonnen reagieren. Oder direkt was zu Essen reintun. Ertappe mich dabei, wie ich in Gedanken meinen Proviant durchgehe, und die Vorstellung, der fremden Frau auf die Frage „Welchen Sitz haben Sie?“ wortlos eine Käsestulle in die Hand zu drücken, gefällt mir kurz, dann beschränke ich mich doch auf die sachliche Antwort: „91“ und deute achselzuckend auf die Sitznummer über mir. 

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Gerade neulich

Freitagabend. Nach langer Zeit habe ich mal wieder einen Auftritt! Aber…

Ich fang mal anders an.
Heute Abend bin ich mit meiner alten Freundin Tessa verabredet. Ich freue mich sehr, Tessa und ich kennen uns schon seit unserem 10. Lebensjahr und haben uns jetzt eine ganze Weile nicht gesehen.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber je älter ich werde, desto öfter verschätze ich mich mit Zeiträumen. Bestimmt kennt Ihr diese Frage, über die man dann gemeinsam nachgrübelt, wenn man sich wiedertrifft: „Mensch, wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal gesehen?“ Ich liege bei der Antwort verlässlich daneben, weil ich eigentlich immer denke „Na, gerade neulich“ – und dann ist dieses neulich bei näherem Überlegen, zack, doch schon 5 Monate her. Oder Jahre. Oder was weiß ich.
Sebastian sagt ja: „Du merkst, dass Du 50 bist, wenn alles, worüber Du redest, mitmal zwanzig Jahre her ist.“ Aber damit mag ich mich noch nicht so richtig abfinden.
Es gilt also, Anhaltspunkte zu finden.
Man erinnert sich vielleicht, dass es bei der Hochzeit von Tommy und Jana gewesen sein muss, gerade neulich halt. Und dann fällt einem auf, dass die beiden zwar immernoch verheiratet sind, aber nicht mehr miteinander, und es deshalb vielleicht doch die Art von neulich ist, die schon etwas länger zurückliegt.
In letzter Zeit gibt es ja glücklicherweise zusätzliche Erinnerungsstützen beim Einordnen.
Dann erinnert man sich vielleicht, dass man sich bei dieser Party von Tanja zuletzt gesehen hat, weißte noch, oder in der Kneipe mit Eric, genau, und waren wir da nicht zusammen bei Pattis Auftritt? Na, und dann weiß man schon mal, dass es definitiv über ein Jahr ist. Weil es noch Partys gab. Und Kneipen. Und Bühnen.
Gerade neulich.
Lange her.

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Blauer Himmel, roter Faden

Neulich bin ich anlässlich meines Geburtstages gefragt worden, ob es eine Art roten Faden gäbe, der sich durch mein bisheriges Leben zieht. 
Darüber denke ich seither nach, auch jetzt, während ich über den alten Bauernhof schlendere, durch die alte Scheune hindurch, dann den Hügel hinauf zu den Streuobstwiesen. 
Von hier aus hat man einen atemberaubenden Blick auf das Brandenburger Nirgendwo, in das mich meine Sehnsucht nach Horizont heute verschlagen hat. Hier und jetzt halte ich einen geschätzten Mindestabstand von 1,5 km zum Rest der Menschheit ein, ganz freiwillig, es ist herrlich. 
Auf der Wiese suche ich einen Lieblingsplatz, breite meine Jacke aus und drehe mich wie ein Hund dreimal um die eigene Achse, bevor ich mich niederlasse. Mit dem Rücken lehne ich an einem alten Apfelbaum, die Art von Baum, die aussieht als hätte sie eine Menge zu erzählen. Ich schließe die Augen und lausche eine Weile. 
Die Feldlerchen machen Rabatz, der Sound erinnert ein wenig an den jungen R2D2, auch die Kohlmeisen zwitschern und der Ruf eines Schwarzspechtes knattert durch die frische Luft. Alles ruft Ich! Ich! Hier! 
Frühling, endlich. 
Zufrieden blinzele ich in die Landschaft. 
Weiter hinten am Hang erspähe ich Weidenkätzchen, stolz recken sie ihre Zweige in die Sonne. Ich gebe dem Impuls nach und laufe hin, um ihre frischen flauschigen Knospen anzufühlen. Ein herrliches Gefühl. 

Und eine Erinnerung meldet sich… 

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Junge, Junge

Ich bin so müde, so unglaublich müde. Manchmal glaube ich, ich werde nie wieder wach sein. 
So wenig geschlafen habe ich gar nicht. Manchmal denke ich, es liegt an meiner Art, durch die Welt zu laufen und die Dinge wahrzunehmen. 

Hm, wie kann ich das erklären?
Zusätzlich zu den Dingen, die ich tatsächlich wahrnehme, laufen in meinem Kopf immer noch mehrere Parallelebenen ab. Gerade eben beim Bäcker, zum Beispiel, ist schon wieder passiert: 
Die Namen der Brötchen haben mich aus der Fassung gebracht. 

Dann höre ich mir zu, wie ich Sätze sage wie 
„Ich hätte gerne zwei Junggesellen bitte“ und dann verwirre ich mich selber mit den Bildern und Szenarien, die sofort ungefragt vor meinem inneren Auge ablaufen. 

Kopfkino Nr. 1: 

„Ich hätte gerne zwei Junggesellen bitte!“ 

Die Zange des Bäckereifachverkäufers senkt sich auf einen Berg zappelnder kleine Männchen, zwei von ihnen werden in die Brötchentüte geworfen werden, vielleicht noch etwas verkatert vom Vorabend, Junggesellenabschied, ja, sie wollten es krachen lassen, aber dieses Ende hatten sie nicht erwartet. Hangover ist ein Scheiß dagegen, denken sie, während sie die Chiasamen aus den Haaren schütteln und sich auf ein Rosinenbrötchen retten. Junge, sagt der eine. Und in der Tat, so heißt der Bäcker. 

Kopfkino 2: 

„Ich hätte gerne zwei Junggesellen bitte!“
„Warten sie, da muss ich hinten nachsehen“, sagt der Bäckereifachverkäufer freundlich und verschwindet Richtung Backstube. Er kommt in Begleitung zweier junger Männern zurück, die ihre Schürzen und ihre Bäckermützen abnehmen, während sie auf mich zukommen. „Genau zwei haben wir noch“ sagt der Verkäufer erfreut.
„Danke“ sag ich und betrachte sie mir. „Ich mag sie eigentlich lieber, wenn sie etwas dunkler sind“ sage ich, „aber sei´s drum.“ 
Ich zahle. Wir gehen. 

Leider muss ich sagen, dass sich nur ein Szenario wirklich ereignet hat, und zwar 

Nr. 3:

„Ich hätte gerne zwei Junggesellen bitte!“
„Die sind leider aus“ sagt der Bäckereifachverkäufer bedauernd und deutet auf die reich gefüllte Auslage mit allerlei anderen Sorten. „Darf´s was anderes sein?“ 
Ich lasse meinen Blick schweifen, schwierig, vom Wikinger über den Proteinkracher bis zum Kürbis-Softie ist wirklich alles dabei. Dann habe ich mich entschieden. Ich zeige auf die besonders kernigen Brötchen links außen. 
„Dann nehme ich zwei Ladykracher, bitte“ höre ich mich sagen. Der Verkäufer mustert mich kurz fragend, dann folgt er meinem Fingerzeig.
„Zwei Roggenkrosser, sehr gerne“ sagt er. 
Das ist mir jetzt schon ein bisschen peinlich. Gott sei Dank hat kein anderer Kunde mitgehört. Manchmal ist der Mindestabstand ja doch zu was gut. 

Würde ich eine Bäckerei aufmachen, denke ich beim Rausgehen, wie würden meine Brötchen heißen? 
Ladykracher ist doch eigentlich gar nicht übel, tröste ich mich. Eine Berlin-Edition könnte es geben: die Gerstengöre. Die Dinkel-Bitch. Oder zu Ehren meines Lieblings-Kneipenwirts: den Weizen-Heinzi. 
Denkbar wäre auch eine Musikedition:  Keim after Keim. We will back You.  

Und weil die Welt noch nicht genug Wortspiele hat, mache ich nebenan einen Friseursalon auf. Und ich nenne ihn Hairy Potter. Oder Haireinspaziert. 
Und daneben den Tätowierladen, und den nenne ich Tattoo Tata. 
Und…

Manchmal ist es ganz schön anstrengend, ich zu sein. 
Davon kann man manchmal wirklich ganz schön müde werden.